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Der „VolksWagner“: Deutscher Geist und schnellster Ausweg

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Von: Judith von Sternburg

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Französische Karikatur, 1876. Foto: Nationalarchiv der Wagner-Stiftung Bayreuth
Französische Karikatur, 1876. Foto: Nationalarchiv der Wagner-Stiftung Bayreuth © Nationalarchiv der Wagner-Stiftung Bayreuth

Bayreuths Richard Wagner Museum blickt offen, unterhaltsam und unverblümt auf den „VolksWagner“.

Mag das Werk Richard Wagners schon immer von Wenns und Abers durchglüht und zerfurcht sein, so wurde in Bayreuth lange ein Hehl daraus gemacht. Unvergessen die alte Dauerausstellung, in der ein einsames Foto die heillos verhitlerten Festspiele vor und erst recht nach 1933 wie einen Betriebsunfall aussehen ließ. Die Zeiten sind vorbei. „Richard Wagners metapolitisches Gesamtkunstwerk erweist sich in hohem Maße als ideologisch anschlussfähig“, heißt es unverblümt in der aktuellen Sonderausstellung, die also nicht erst – und selbst das wird oft vermieden – in wagnerianischen und bayreuthianischen Auswüchsen, Verbiegungen, Verknöcherungen die Gründe für die fatale Verquickung von Wagner (1883 verstorben) und Nationalsozialismus sieht, sondern bereits im Werk selbst.

Zu einfach war es für Hitler, zeigt ein Propagandaplakat von 1935, sich mit überraschend wehendem Stirnhaar als Parsifal zu inszenieren, hinter ihm Nazihorden (Gralsritter mit Hakenkreuzfahnen), darüber brechen die Strahlen einer Theatersonne hervor. An die Stelle der Taube hat sich ein Reichsadler gemogelt.

Die Schau im eleganten Neubau des Richard Wagner Museums neben Haus Wahnfried trägt den saloppen Titel „VolksWagner“ und kann über die nun zu Ende gehenden Festspiele hinaus noch bis in den Oktober hinein ernüchtern, aber viel mehr noch anregen. Das Bayreuth unter der Leitung Katharina Wagners steht für den Schwung, der aus informierter und bedingungsloser Offenheit entsteht. Indem das Spannungsfeld zwischen Hochkultur und NS-Ideologie, Genie und Infamie, Kunst und Verhunzung mit all seinen Verbindungslinien und Schnittmengen ausgebreitet werden kann, öffnet sich – ein wenig unmodern, aber das spricht gegen die Zeiten, nicht gegen Bayreuth – eine Komplexität, die das Werk nicht beschädigt, sondern absichert.

Wie der echte Gral aussah

Wobei „VolksWagner“ sich mit seinem Untertitel „Popularisierung – Aneignung – Kitsch“ nicht überkomplex zeigt, eher sogar unterhaltsam und vor allem plastisch. Da ist die Anzeige von Carl Boller in Bayreuth, bei dem man den Gral in der „einzig richtigen Originalform“ kaufen konnte (da zerbrechen sich Generationen darüber den Kopf, was oder wer der Gral sein mag, aber Carl Boller und Cosima Wagner wussten eben Bescheid). Das sind die Emaille-Figürchen mit Opernszenen, und die winzigen Pos der Rheintöchter wie die stählerne Brust des schmiedenden Siegfried erfreuten gewiss einst kleine Jungen und Mädchen. Und übertrafen zudem die Möglichkeiten auf der Bühne natürlich bei weitem, wie fabelhafte Kostümporträts zeigen. Sie nehmen auch Comicbilder voraus, die nachher in Hülle in Fülle folgen. Das Plakat zu „Siegfried und das sagenhafte Liebesleben der Nibelungen“, auf dem ein ebenfalls gut gebauter Raimund Harmstorf eine vergnügte nackte Frau zum Gewichtheben benutzt, verschiebt das Geschehen in die Softpornoecke der frühen 70er. Wagner rockt massiv und er liefert Filmmusik zuhauf. Und wo er es nicht direkt tut, tritt er zumindest als Vater jedweder Hollywoodbombastmusik auf.

Berühmt ist die Szene aus Francis Coppolas „Apokalypse Now“, in der der US-Hubschrauberangriff auf ein vietnamesisches Dorf vom „Walkürenritt“ unterlegt wird. Was hier der reinste Zynismus ist, ist aber zugleich Kriegsrealität. Schon 1941 begleitete die Musikpeitsche die Wochenschaubilder zum deutschen Überfall auf Kreta. Noch 2004 tauchte sie im Irak-Krieg wieder auf, von den alliierten Kampftruppen unironisch und schaurig genutzt. Woody Allens Filmsatz, er könne sich so viel Wagner nicht anhören, weil er dann das Bedürfnis verspüre, in Polen einzumarschieren, gehört zu den großen Wahrheiten, hinter die die Wagnerrezeption bei aller Liebe zur Sache nicht mehr zurückgehen sollte. Ein nicht trotziges, sondern nachdenkliches Trotzdem gehört dazu.

Dabei war Wagner, auch hier erzählt die Ausstellung ja nichts Neues, aber sie hat die Bilder und Einzelheiten, schon immer auch Objekt des Spottes und des Kitsches. Man konnte sich eine Wagner-Büste arglos an den Weihnachtsbaum hängen, parallel dazu kursierten Postkarten, die sowohl das Personal wie seinen Schöpfer heroisierten oder verhohnepiepelten. Und im Ersten Weltkrieg war auf den Versorgungszügen der französischen Armee eine lachende Kuh mit dem Spottnamen „La Wachkyrie“ (aus Kuh und Walküre) zu sehen. Daraus ging Anfang der 20er die bekannte Schmelzkäsemarke „La vache qui rit“ hervor.

Dann wieder – im ausführlichen NS-Kapitel – ein Exponat, das fast so viel sagt wie ein ganzes Buch über die Zeit. 1934 liegt dem Besetzungszettel der Festspielaufführung „Die Meistersinger von Nürnberg“ ein Blatt bei. „Der Führer bittet, am Schluss der Vorstellungen von dem Gesang des Deutschland- oder Horst-Wessel-Liedes und ähnlichen Kundgebungen absehen zu wollen. Es gibt keine herrlichere Äußerung des deutschen Geistes als die unsterblichen Werke des Meisters selbst.“ Dahinter, auf dem Besetzungszettel selbst, eine Werbung der Lloyd Bremen, „Schnellster Dienst nach New York“ und „Fastest Service to New York“, denn das Publikum war ja womöglich noch international. Was werden die Menschen dabei gedacht haben?

Richard Wagner Museum Bayreuth: bis 3. Oktober. wagnermuseum.de

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