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Neil Diamond, hier 2011 in Berlin.
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Neil Diamond, hier 2011 in Berlin.

Neil Diamond zum 80.

Der schöne Lärm des Lebens

  • Harry Nutt
    vonHarry Nutt
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Mit „I‚m A Believer“, „Sweet Caroline“ und „Song Sung Blue“ schrieb er Welthits. Nun wird Neil Diamond 80 Jahre alt.

Als zu Beginn der Siebzigerjahre ein Mann mit sonorer Stimme über sich sang, ganz er selbst zu sein, wurde das vielfach als dominante männliche Selbstbehauptung missverstanden. Tatsächlich aber war Neil Diamonds „I Am, I Said“ Ausdruck einer Identitätskrise am Rande eines Nervenzusammenbruchs. Ein Mann sagt: „Ich bin“, aber er wird dabei den Eindruck nicht los, dass ihm nicht einmal der Stuhl zuhört. Warum, so hatte böse ein Kritiker gefragt, solle ein Stuhl das auch tun? Dass sich die Verzweiflung beim Hören nicht unbedingt vermittelte, hatte sehr viel mit der robusten Erscheinung zu tun, die Neil Diamond verkörperte. Die innere Zerrissenheit, von der der Song handelt, wurde angesichts der auffälligen Attraktivität des Sängers meist vernachlässigt.

Als „I Am, I Said“ 1971 herauskam, war Diamond, der mit Barbra Streisand gemeinsam im Schulchor gesungen hatte, bereits ein erfolgreicher Songschreiber. Für die erste Castingband überhaupt, The Monkees, hatte er 1966 den Song „I’m a Believer“ geschrieben, ein Beatstück über die erste Liebe – der Pop der frühen Jahre war in seiner emotionalen Ausstattung oft von erstaunlicher Einfachheit und Naivität.

Dabei waren selbst die frühen Hits von Neil Diamond durchdrungen von abgründiger Ironie. „Cracklin’ Rosie“ etwa mag vordergründig als Geschichte über eine Gelegenheitsliebe verstanden worden sein, tatsächlich aber war „Cracklin’ Rosie“ der Markenname eines Weins, mit dem sich das für die Nacht einsam gebliebene lyrische Ich enttäuscht zurückzieht. Neil Diamonds erster Nummer-1-Hit war eine Art Hymne auf eine billige Ersatzdroge.

Ein Nachfolger Sinatras

Die grüblerische Tiefe seiner Songs hingegen war oft in gefällige Klangkörper gehüllt. Neil Diamond knüpfte an die Tradition des American Songbooks an und wirkte dabei wie ein Nachfolger von Frank Sinatra und Dean Martin, während die Popmusik mit Bands wie Jefferson Airplane längst auf härtere Drogen umgestiegen waren. Nach dem Festival von Woodstock regierte in den USA auch popmusikalisch eine Gegenkultur, in der Neil Diamond zurückgelassen wirkte wie ein etwas steifer Vertreter eines überkommenen Mainstreams.

Zugleich aber schienen seine Songs eine Antwort auf ein Lebensgefühl zu enthalten, das die gesellschaftlichen Veränderungen intuitiv spürte, ohne sie bereitwillig zum Zuge kommen zu lassen. „Song Sung Blue“ war so gesehen auch ein Versuch, sich aus einer psychischen und sozialen Niedergeschlagenheit zu befreien – eine Art Schunkellied für verletzte Seelen. Neil Diamond fand Worte und Melodien, die lange eher despektierlich abgetan wurden, inzwischen aber als bedeutende Werke der Unterhaltungsmusik jener Zeit gelten dürfen.

Der 1941 in New York geborene Sänger und Songschreiber war in einer polnisch-russischen Einwandererfamilie jüdischen Glaubens aufgewachsen, nach dem Schulbesuch half er im Ladengeschäft seines Vaters. Das Gitarrenspiel hatte er sich – so begannen viele Karrieren zu dieser Zeit – selbst beigebracht, und nach dem Überraschungserfolg mit den Monkees arbeitete er an weiteren Stücken, die später von Elvis Presley, Roy Orbison, Shirley Bassey, Harry Belafonte und vielen anderen Showgrößen gesungen wurden. Neil Diamond war eine gefragte Größe im US-amerikanischen Showgeschäft, für den Weltbestseller „Jonathan Livingston Seagull“ über die Möwe Jonathan des Autors Richard Bach komponierte er 1973 den Soundtrack zum Film.

Entertainer für große Säle

Die riesigen Erfolge für eigene Aufnahmen hielten ihn aber nicht von der Zusammenarbeit mit anderen Kollegen ab. Für das Album „Beautiful Noise“ beschäftigte Diamond 1976 Robbie Robertson als Produzenten, der als Gitarrist von The Band als einflussreicher Avantgardist galt. Der Titelsong war weniger schwermütig gestimmt als andere Diamond-Songs, in ihm erfreut sich der Sänger am schönen Stadtlärm, der Musik des pulsierenden Lebens. Über viele Jahrzehnte war Neil Diamond ein Entertainer für die großen Säle und Galas, und in glamourös inszenierten Konzerten boten seine zahlreichen zu Evergreens gewordenen Hits seinem ihn treu bewundernden Publikum die Möglichkeit wohliger Erinnerung.

Anerkennung über die eng gezogenen Grenzen der Kulturmilieus hinaus erhielt Neil Diamond jedoch erst 2005 mit dem Album „12 Songs“, das der charismatische Produzent Rick Rubin mit seinem Prinzip der Veredelung durch Minimalismus ihm zukommen ließ, nachdem er es zuvor bereits eindrucksvoll auf die „American Recordings“ von Johnny Cash angewandt hatte.

2018 gab Neil Diamond bekannt, dass er an Parkinson erkrankt sei und fortan keine Konzerte mehr geben werde. Im November 2020 erschien „Classic Diamonds“, ein mit dem London Symphony Orchestra eingespieltes Album seiner großen Hits – ein Geschenk an sich selbst, kurz vor seinem 80. Geburtstag an diesem Sonntag.

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