Christopher Dell (v. l.), Christian Lillinger und Jonas Westergaard. Plaist Music

Jazz

Dell, Lillinger, Westergaard: Dreifache Parallelaktion

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Komponierend, improvisierend und gemeinsam auf einem unbekannten Weg: das Trio DLW mit „Grammar II“.

Widersprüche muss man nicht um jeden Preis auflösen. Gerade in der Musik ist es oft produktiver, sie auszuhalten und mit ihnen zu arbeiten. Wie so etwas klingen kann, führt zum Beispiel das improvisierende und zugleich komponierende Trio DLW auf seinem aktuellen Album „Grammar II“ vor.

DLW, das sind Christopher Dell, Vibraphon, Christian Lillinger, Schlagzeug, und Jonas Westergaard, Bass. Die drei sehen weder theoretisch noch praktisch einen Antagonismus zwischen einem präzisen Rahmen, den sie notieren oder verabreden und ihrem gemeinsamen Spiel voraussetzen, und der völligen Freiheit beim Improvisieren. Form und Substanz, Struktur und Inhalt – beides ist immer und überall in der Kunst unverzichtbar. Wo ist der Widerspruch?

Dabei ist das Moment der Form mehr als nur ein Rahmen gemeinsamer Verbindlichkeiten in Punkto Material, Klang, zeitliche Dauer und räumliche Komponenten. Auf dem Epoche machenden Album „Open Form For Society“ , das Christian Lillinger mit einem Nonett eingespielt hat, war die musikalische Formgebung zugleich eine soziale: Regeln und Verabredungen, das Herstellen von gemeinsamen Spielweisen, Vertrautheiten, Interaktionsformen – all das konstituiert nicht nur Musik, sondern auch eine Gemeinschaft von Musikern. Bei „Grammar II“ nun – die Doppel-CD „Grammar I“ liegt schon etliche Jahre zurück und ist nicht mehr lieferbar – geht es also um das gemeinsame Beschreiten eines unbekannten Weges, den man mit bekannten Wegmarken markiert, an deren Weisungen man aber nicht lückenlos gebunden ist. Denn die Form bleibt letztlich offen.

Das Album

Dell, Lillinger, Westergaard: Grammar II. Plaist Music.

Soviel zur Struktur dieser reichhaltigen und intensiven Musik. Was aber hört man, wenn man ahnungslos mit ihr konfrontiert wird?

Man hört Musik, die aus mehreren Quellen in die gleiche Richtung strömt. Sie ist kleinteilig und wirkt dynamisch meist zurückhaltend und enorm diszipliniert, aber nicht eng. Denn sie ist zugleich unvorhersehbar, durch die dreistimmigen Parallelaktionen recht komplex, aber immer transparent und fordernd. Eine tiefe Ruhe geht von dieser Musik aus, die nicht aus Harmonie und Gleichförmigkeit entsteht, sondern in der spezifischen Art der drei Musiker, sich unabhängig von-, aber zugleich miteinander abgestimmt durchs Material zu bewegen. Es gibt große Freiheiten in den Details der musikalischen Aktionen, es gibt auch durchaus nervöse Komponenten, aber zugleich ist stets ziemlich klar, dass hier niemand ernsthaft versuchen wird, den Hörer zu erschrecken. Aber gern zu überraschen.

„Grammar II“ wurde live aufgenommen in dem für seine eindrucksvollen Live-Aufnahmen mittlerweile bekannten Kölner Club Loft. Aber was ehedem im Jazz als zentrale Qualität einer Live-Aufnahme galt, nämlich das Spontane und manchmal etwas Ungekämmte, fehlt dieser Aufnahme ganz und gar. Auch würden die drei ihre Musik nicht unbedingt Jazz nennen, Jazz ist für sie eher eine historische Musikform.

Dennoch wurde hier nicht mit großem Post-Production-Aufwand nachgebessert, übermalt oder gar korrigiert. Es ist einfach so, dass hier drei Musiker miteinander agieren, bei denen Dichotomien von Komposition und Improvisation, Spontaneität und Rahmen, Inhalt und Form nicht existieren.

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