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Tionne ?T-Boz? Watkins (l.) und Rozonda ?Chilli? Thomas von TLC im Juli dieses Jahres.

TLC mit "TLC"

Hör auf dein Herz und so weiter

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Das neue Album von TLC ist besser als befürchtet, aber die Band zehrt von alter Bedeutsamkeit.

Hätte es TLC nicht gegeben, dann gäbe es heute Beyoncé nicht. Oder Rihanna. Neben vielen anderen. Zumindest sähe deren Kunst wohl anders aus. Ab 1991 verschmolzen Tionne „T-Boz“ Watkins, Rozonda „Chilli“ Thomas und Lisa „Left Eye“ Lopes HipHop und R&B mit Pop, das nahm vorweg, was später kam: Die Dominanz der „Black Music“ auch im Mainstream. Dafür nahmen sie dem Rap die scharf herausstehenden Spitzen, indem sie Pophooks drüberwarfen, vor allem aber nahmen sie den vielen Mackerjungs im HipHop das Alleinstellungsmerkmal, indem sie ähnlich rigide auf ihre Kosten kommen wollten. Schlechte Liebhaber wurden zum Gespött auf der Straße und Frau sollte sich nehmen, was sie will.

Im Jahr 2002 verunglückte Lopes tödlich bei einem Autounfall. Davor hatte die Band Millionen Platten verkauft, sah von den Millionen aber kaum etwas. Dass ausgerechnet eine Band, die immer wieder die (vor allem) weibliche Selbstbestimmung einforderte, dann in die unangenehmsten Ausbeutungsverhältnisse hineinstolperte und das Bild von den fiesen Plattenbossen im Hintergrund bestätigte, ist wohl ein Zynismus der Geschichte.

Das Geld für das neue Album „TLC“, das erste seit 2003, stammt aus einem Crowdfunding-Aufruf. Fast eine halbe Million Dollar kamen zusammen, Justin Timberlake und Katy Perry haben mitgemacht. „TLC“ heißt das Album, angeblich ist es das letzte, eine Tour ist angekündigt, sie spielen auch in Frankfurt, Jahrhunderthalle.

Wie ist das Album? Besser als befürchtet, ohne Lopes, die die Hauptsongwriterin der Band war. „Haters“ ist schön, es macht sich stark gegen den Hass in den sozialen Netzwerken. Hör auf dich und dein Herz und so fort. Auch die Halbballade „Perfect Girls“, ähnliches Thema (liebe dich selbst), gefällt, bloß ein Beatskelett, eine akustische Gitarre. Aber es ist auch ein Song wie „It’s Sunny“ auf „TLC“. Er erinnert mich an das ins Gesicht geätzte Lächeln des Jokers aus Batman.

2017 ist, mal wieder, ein Jahr der großen Platten von Künstlerinnen. Lorde, Haim, Helene Fischer. Seit Jahren rufen die Magazine und die Feuilletons die Dominanz der Frauen im Pop aus, das gilt tatsächlich fernab klassischer Bandstrukturen. Die Gitarrenbands sind noch immer meistens Männer. Aber wer hört denn noch Gitarrenmusik?

„TLC“ zitiert die eigene Geschichte, die Band zehrt von der eigenen Bedeutsamkeit von damals, eine Übersetzung ins Heute funktioniert nicht so recht, dafür sind die Messages zu simpel und der Sound zu brav. Nunmehr besetzt TLC eine Stelle, die heute längst einflussreich und smart besetzt ist. Impulse setzen, Diskussionen anstoßen, das machen andere.

TLC: TLC. Starwatch Entertainment GmbH/ Groove Attack.

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