feu_ao_bergmann_080920
+
„Debüt“ in der Alten Oper Frankfurt, hier mit dem Ensemble Reflektor. Foto: Wonge Bergmann

Saisonstart

„Debüt“-Tag in der Alten Oper Frankfurt: Klassikrebellion in der Coronakrise

  • vonStefan Michalzik
    schließen

Zum Auftakt der Intendanz von Markus Fein an der Alten Oper Frankfurt.

Furor haben sie alle schon gemacht, sie sind in großen Konzerthäusern international in Erscheinung getreten – in der Alten Oper allerdings bislang noch nicht. „Debüt“, das war das Signum über diesem Tag, mit dem das Frankfurter Haus in die neue Saison ging.

Das ursprünglich annoncierte Musikfest um Charles Ives’ Orchesterstück „The Unanswered Question“, noch vorbereitet unter der Intendanz von Stephan Pauly, musste der Pandemievorkehrungen wegen abgeblasen werden; seinem Nachfolger Markus Fein ist es zusammen mit dem Team gelungen, binnen weniger Monate ein mit Blick auf die Zahl der Konzerte ein wenig mageres, aber doch attraktives „Notprogramm“ auf die Beine zu stellen.

Bloß 600 anstelle von 2400 Plätzen – ausverkauft war gleichwohl keines der drei Konzerte am Sonntag. Abstand, Einbahnsystem, Masken auf dem Weg zum Platz, der Verweis auf eine leistungsstarke Klimaanlage – ob die Angst vor Ansteckung viele Menschen trotzdem umtreibt, oder ob einfach die kurze Vorverkaufszeit von gerade mal zehn Tagen zu Buche schlägt, muss fürs Erste offen bleiben. Für Orchester gilt eine Obergrenze von fünfzig Musikern – Beethoven dürfte mithin, über das Jubiläum hinaus, einer der Komponisten der Stunde sein, wie auch Haydn und Mozart; Mahler & Co. verlangen größere Besetzungen.

Ludwig van Beethovens dritte Sinfonie in Es-Dur, sowie vorab seine „Coriolan“-Ouvertüre, standen auch auf dem Programm beim Konzert des Ensemble Reflektor. Vor fünf Jahren in Hamburg gegründet unter dem Vorzeichen einer selbstverwalteten Organisation, gehört dieses Orchester zum neuen Typus der prächtig vermarktbaren „Klassik-Rebellen“, in Opposition zu eingefahrenen Musizierpraktiken wie auch einem institutionellen Quasi-Beamtentum. Die Musikerinnen und Musiker sind jung und die Frauen ganz entschieden in der Mehrzahl. Wie schon bei Teodor Currentzis’ MusicAeterna – er ist der Übervater – spielen alle (die Cellisten ausgenommen) im Stehen.

Unter der behutsamen Leitung von Holly Hyun Choe wirken die schroffen Akzente in Beethovens in der Form revolutionärer und motivisch auf die Französische Revolution bezogener Sinfonie beinahe sardonisch; auf der anderen Seite stehen Momente eines regelrechten Schmelzes in den zitierten Tanzmusiken. Das ist auf eine drastische Deutlichkeit der Gegensätze hin angelegt, ähnlich wie das viele Barockorchester der Generation Il Giardino Armonico mit der Musik dieser Epoche machen.

Von der „Coriolan“-Ouvertüre über die zwischengeschobene Streichquartettfassung der Motette „If ye love me“ des englischen Renaissancekomponisten Thomas Tallis bis zur dritten Sinfonie wurden alle Stücke an diesem Nachmittag attaca durchgespielt.

Demonstrative Brillanz verweigert das Orchester mit seiner ausgesprochen regen, im besten Sinne schon fast bacchantisch rauschhaften Auffassung. Die Aufführung scheint ein Abenteuer zu sein, in radikalem Gegensatz zu einer analytischen Beherrschtheit. Mit einem mitreißenden Ergebnis, bar der Prätention.

Ein ganz anderes, konventionelles und nicht weniger einnehmendes Bild am Abend, im Kammerkonzert mit der schon als Kind gefeierten und heute 19-jährigen niederländischen Violinistin Noa Wildschut und der Pianistin Elisabeth Brauss. Erneut Beethoven, diesmal die (nicht von ihm selbst so genannte) Frühlingssonate in F-Dur op. 24, gespielt mit einer großen Klarheit und Intensität, die um das Virtuosentum nicht groß Aufhebens macht. Nicht minder unmittelbar der Zugriff auf Prokofjews zweite Violinsonate op. 94A, wunderbar die Verschattungen und Brüche in einer Auswahl aus den Humoresken von Jean Sibelius.

Mit einer entwaffnenden rhetorischen Präsenz hatte zur Matineestunde der Bariton Benjamin Appl zusammen mit dem grandiosen Begleiter Wolfram Rieger am Klavier Schuberts Liederzyklus „Die schöne Müllerin“ aufgeführt. Vom Lehrer Fischer-Dieskau hat er sich gelöst, schlichter ist seine Gestaltung und nicht so ausgeprägt expressiv gespannt, nie forciert. Bedauerlich, dass die Verständlichkeit des Textes mitunter litt.

Die Musiker müssen, so ist es in einem Interview mit dem gerade neu angetretenen Intendanten Markus Fein zu lesen gewesen, ob der desaströsen Einnahmesituation empfindliche Einbußen bei den Gagen hinnehmen. Da stünde es der Politik gut an, wenn sie zweckgebunden für Ausgleich sorgen würde.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare