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David Murray „Seriana Promethea“: Freiheit im Klangraum

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Von: Hans-Jürgen Linke

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Eine egalitäre Formation: das Trio Brave New World. Foto: Frank Schemmann
Eine egalitäre Formation: das Trio Brave New World. © Frank Schemmann

Frage und Antworten: David Murray und das Brave New World Trio

Die eng und weglos gewordene Welt während der internationalen Corona-Lockdowns und Öffentlichkeits-Vermeidungen waren der mentale Hintergrund für die Wahl des Namens „Brave New World Trio“. Er spielt an auf Aldous Huxleys dystopischen Roman, der wiederum aus Shakespeares „Der Sturm“ zitiert („Wie schön der Mensch ist! O Schöne neue Welt, die solche Bürger trägt!“). David Murray setzt den Namen und die musikalische Praxis seines Trios gegen Unfreiheit: Jazz braucht Bewegungsfreiheit, musikalisch wie sozial; Jazz macht nicht mit beim Kreieren von Weltverschwörungstheorien, sondern produziert Auswege und Lösungen im reflektierenden Rückgriff auf bewährte Tugenden.

David Murray ist einer der großen Vertreter des afroamerikanischen Free Jazz. Der Reichtum und die Raffinesse seiner Artikulationsweisen an Bassklarinette und Tenorsaxofon sind frappierend und ungebrochen. Souverän und subtil zugleich spielt er mit den Volumina, zu denen seine Tongebung fähig ist, mit einem unerhört präzise gestalteten Obertonreichtum, einem unglaublich feinsinnigen Vibrato, das mal wie ein davonwehender Nachhall eingesetzt wird, mal mit metrischer Genauigkeit im Groove pulsiert. Überblas-Passagen sind keine ekstatischen Ausbrüche, sondern wohlkalkulierte, fein geschliffene und vollendet beherrschte Erweiterungen des tonalen und klanglichen Raumes.

Das Album:

Brave New World Trio: Seriana Promethea. Intakt Records/ Harmonia Mundi.

Aber das Brave New World Trio ist, wie angedeutet, keine Formation, die nur einen überragenden Solisten inszeniert. Es ist eine egalitäre Formation, in der niemand einfach die Erste Geige spielt. So zeigt sich Hamid Drake nicht nur in der Rolle des Herausforderers und Antreibers, sondern als Schlagwerker mit hoher Spielkultur und eigensinnig-intensivem Klangsinn. Seine dynamische Zurückhaltung offenbart eine Ökonomie, die die Aufmerksamkeit weniger auf Verdichtung und hohe Betriebstemperatur der Rhythmus-Arbeit richtet als auf die Gestaltung gemeinsamer Augenblicke, auf den umsichtigen Aufbau eines ständigen Spannungsverhältnisses zwischen Bestätigung und Einspruch.

Mit dezenter Wucht

Bassist Brad Jones beschäftigt sich ständig mit der pointierten Erfindung und dem Einflechten von klanglich variablem melodischem Material. Mit dezenter Wucht arbeitet er an gewichtigen, harmonisch markierten Arco-Passagen, zupft verspielt und mit multiplen metrischen Auffassungen, wechselt Tempi und Klang-Charakteristiken. Er liefert keine Fundamente, sondern Fragen und Antworten.

Fragen werfen auch die Stücktitel des Albums auf. Sie weisen in einen freigeistigen musikalischen Kosmos, der sich aus den Erfahrungs-Horizonten der drei Musiker multipliziert. Seriana zum Beispiel ist eine Stadt in Algerien – aber klingt das Wort nicht auch wie ein Frauenname? Was bedeuten das antikisierende „Promethea“ und Murrays betonte Munterkeit in diesem Stück? Warum geht es in der Küche („Switchin’ in the Kitchen“) so lässig swingend zu, und warum hupft der Bass so swingfrei bei der Frage „If You Want Me To Stay“? Und womit dürfen wir den unvollendeten Satz „Am Gone Get Some“, den Titel des letzten Stückes, komplettieren?

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