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David Crosby ist tot: Der gestrauchelte Engel

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Von: Harry Nutt

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Er gründete The Byrds und Crosby, Stills and Nash. Nun ist der legendäre US-Musiker David Crosby im Alter von 81 Jahren gestorben. Ein Nachruf.

New York – In einer vor wenigen Jahren erschienenen TV-Dokumentation packt ein alter Mann seine Sachen und verabschiedet sich von seiner Frau. Der Barde muss wieder auf Tournee – wohl auch um Geld zu verdienen, weil der Verkauf von Tonträgern kaum noch etwas abwirft.

Es ist ein traurig stimmender Anblick, den David Crosby da bietet. Nach Jahren exzessiven Drogenkonsums ist seine Gesundheit ruiniert, mit seinem besten Freund, dem Bandkollegen Graham Nash, hat er sich überworfen, weil er die Schauspielerin Daryl Hannah, Ehefrau von Neil Young, grob beleidigt hatte. Die gerissenen Wunden wollten nicht mehr zugehen, dabei hatte Crosby sich lediglich ein weiteres Mal überheblich-exzentrisch gezeigt wie so oft in den Jahren seines nie vergehenden Ruhms.

Der schlohweiße Walrossbart wippte heiter und verbarg seinen Mund, als er kürzlich per Videobotschaft Brian Wilson, dem genialischen Soundfrickler der Beach Boys, zum 80. Geburtstag gratulierte. Freunde, Konkurrenten, Heroen des mehrstimmigen Harmoniegesangs, die besser als alle anderen von der anrührenden Klasse des jeweils anderen wussten.

David Crosby in New York, 2008.
David Crosby in New York, 2008. © Diane Bondareff/dpa

Zum Tod von David Crosby: Neues Album angekündigt

David Crosby ist nun im Alter von 81 Jahren gestorben, für die kommenden Tage ist die Veröffentlichung eines neues Album angekündigt. In dem Trailer steht ein beleibter, aber stolzer Künstler auf der Bühne, der in den letzten Jahren so produktiv war wie lange nicht. Trotz seines hohen Alters schien seine Stimme sich jene Jugendlichkeit bewahrt zu haben, mit der in den späten 60er Jahren von einer Supergroup zur anderen wechselte.

Mit Roger McGuinn und Gene Clark gehörte Crosby zu den Gründungsmitgliedern der Byrds, die mit einem weichen Country-Rock von der amerikanischen Westküste aus einen neuen Sound prägten – leicht schwebend, ein bisschen elegisch. Mit Bob Dylans „Mr. Tambourine Man“ hatten sie einen frühen Hit, Pete Seegers „Turn, Turn, Turn“ setzte sich für immer im Ohr fest. Die Byrds schienen auch eine amerikanische Antwort auf die Beatles zu sein, so jedenfalls wurden sie zeitweilig angesichts der sogenannten British Invasion inszeniert.

Der unstete kreative Geist, der den 1941 in Los Angeles geborenen David Crosby ein Leben lang beseelte, aber musste hastig weiter. Nach nur wenigen Jahren und fünf Alben trieben die Fliehkräfte der Stilexplosion jener Zeit die Byrds aus einander, wohl nicht zuletzt wegen der unbändigen Streitlust David Crosbys.

David Crosby ist tot: Keine Zeit für Reihenfolge

An neuen Mitstreitern mangelte es nicht. Gemeinsam mit Stephen Stills von Buffalo Springfield und Graham Nash von den britischen Hollies taten sich drei sehr unterschiedliche Charaktere zusammen, die nicht einmal Gelegenheit fanden, sich auf einen Bandnamen zu einigen. Und selbst die klangvolle Namensfolge Crosby, Stills & Nash schien nicht völlig klar zu sein. Auf ihrem ersten Album jedenfalls erschien ein Foto auf der Innenseite, auf dem sie genau andersherum aufgereiht saßen.

Zur Legende der Popkultur wurden die drei, zu denen sich sporadisch auch Neil Young gesellte, ebenfalls von Buffalo Springfield, durch ihren Auftritt beim Woodstock-Festival im Sommer 1969. Es sei erst ihr zweiter gemeinsamer Auftritt, gestand Stephen Stills vor 500 000 Zuschauern, „wir haben die Hose gestrichen voll“. Und dann ging es Jahrzehnte lang durch die Erfolgsspur. Man trennte sich und kam wieder zusammen. Mal vereinigten sie sich zu viert, mal wieder zu Crosby, Stills & Nash, die meiste Zeit aber verbrachten Crosby und Nash miteinander auf der Bühne. Der ruhig-solide Brite war es denn auch, der Crosby immer wieder vor privaten Abstürzen bewahrte. Oder ihm beistand, wenn diese nicht mehr zu verhindern waren. Lebertransplantation, Gefängnisaufenthalt, Neuanfang – wie ein treuer Sozialarbeiter blieb Nash an der Seite des unbelehrbaren Irrwischs, der von den Göttern des Pop-Olymps geliebt schien wie kaum ein anderer.

Und als Graham Nash gerade nicht in der Nähe war, sprang ihm sein Sohn bei, eine etwas komplizierte Geschichte. Aus einer der vielen wechselnden Beziehungen, die sich in der Manege des Pop-Zirkus ergaben, war ein Kind hervorgegangen, das die Mutter bald nach der Geburt zur Adoption freigab. Die Pflegeeltern bemerkten das außergewöhnliche musikalische Talent des Jungen und förderten es nach Kräften.

Zum Tod von David Crosby: Der freundliche Sohn

Als junger Erwachsener erkundigte James Raymond, so sein Name, sich irgendwann nach seinen leiblichen Eltern und stieß auf einen ziemlich heruntergekommenen Musiker namens David Crosby, der sich gerade erneut durch ein Entzugsprogramm quälte. Von Musik muss aber auch die Rede gewesen sein. Zusammen mit Jeff Pevar entstand die Band CPR, die für Crosby auch eine Art Drogenrehabilitation mit freundlicher Unterstützung von JR war.

David Crosby ist ein gestrauchelter Engel, der der Welt, in der man Musik mit Gesang liebt, großartige Melodien geschenkt hat. Als Songschreiber kann er immerhin auf das harmonisch-getragene „Guinnevere“ verweisen, sehr viel rockiger kamen „Almost Cut My Hair“ und „Wooden Ships“ daher. Trotz der immer wieder aus ihm herausbrechenden Gehässigkeiten war David Crosby auch ein großer Bewunderer. Als Songschreiberin, so befand er, sei Joni Mitchell die Größte, vielleicht hofften sowohl Crosby als auch Nash in vorübergehenden Liebesbeziehungen mit ihr, ein wenig von deren Wort- und Sangeskunst abzubekommen.

Mit dem Tod von David Crosby geht ein großes Kapitel der bis heute nachwirkenden Popgeschichte der 60er und 70er Jahre zu Ende. Wie sehr, konnte man bereits wenige Stunden nach Bekanntwerden der Todesnachricht in den sozialen Medien besichtigen, in denen sich Joan Baez, David Gilmour und viele andere vor ihm verneigen. (Harry Nutt)

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