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David Byrne zum 70. Geburtstag: Bedeutet das alles etwa gar nichts?

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Von: Harry Nutt

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Hier ohne Golfschuhe: David Byrne am Broadway, 2019.
Hier ohne Golfschuhe: David Byrne am Broadway, 2019. © dpa

Die Rätsel der 80er Jahre: Dem Talking-Heads-Musiker und Tausendsassa David Byrne zum 70. Geburtstag.

Mit einem Tanz in einem übergroßen weißen Anzug und getrieben von einer nervösen Geste, in der er sich fortwährend an den eigenen Kopf schlug, hat David Byrne den bunt-aufregenden 80er Jahren eine rätselhafte Signatur verliehen. Alles war Pose, mit scheinbarer Bedeutung aufgeladenes Sound-Theater, aber die Rhythmen von Talking Heads, wie die von Byrne und Tina Weymouth 1975 in New York gegründete Band vielsagend hieß (ohne den Artikel The), verliehen dem Ganzen eine beängstigende Dringlichkeit. Ironie und Wahn, wer wollte das schon so genau wissen?

Lass ab von der Sinnsuche

„I’m tense and nervous/Can’t explain“, heißt es in „Psycho Killer“, und angesichts der von dem Stück ausgehenden Beunruhigung wirkte der Filmtitel aus dem Jahr 1984, in dem Byrnes stockende Tanzeinlage zu sehen ist, beinahe wie eine notwendige Entlastung. „Stop Making Sense“ – Lass ab von der Sinnsuche. Oder auch: Brenn einfach das Haus nieder! „Burning Down the House“ war einer der mitreißendsten Dance-Hits der 80er. Wer dabei nicht in Zuckungen versetzt wurde, war für Körperbewegungen zu Musik jeglicher Art für immer verloren.

Talking Heads wurden als intellektuelle Herausforderung oder Zumutung verstanden, aber trotz aller Düsternis („This ain’t no party, this ain’t no disco / This ain’t no fooling around“) verstand sich die Band doch stets auch als einer der größten Spaßbringer ihrer Zeit, und David Byrne war ihr schüchterner Apologet.

Oder war er das genaue Gegenteil? Als Musiker war er viel herumgekommen, und um die Zeit zwischen Konzerthallen und Flughäfen nicht verstreichen zu lassen, fotografierte er. Wo immer in der Welt Menschen zufällig oder bewusst kleine Gebilde aus Steinen, Müll oder Gepäck arrangierten, nahm Byrne sie auf, als ginge es darum, in den Gegenständen Relikte einer alltagsreligiösen Praxis zu sehen, Altäre der Gegenwart. Und so konnte es passieren, dass Byrne vor oder nach einem Konzert zu einem bildgestützten Vortrag einlud, in dem er seine jüngsten Errungenschaften vorstellte. Der Unterhaltungskünstler als charmanter Dozent.

Byrne war dabei einer, der mit vorgeblicher Seriosität breite Schneisen schlug ins Offene der Sinn- und Bedeutungslosigkeit. Ein philosophischer Spieler und Filou, der derart produktiv war, dass schon das bloße Aufzählen seiner Aktivitäten dazu zwingt, großzügig Lücken zu lassen.

Mit Brian Eno, der Ende der 70er als Produzent hinzukam, waren die musikalischen Strukturen komplexer geworden. „Remain In Light“, das vierte Album der Talking Heads von 1980, gilt als ihr vielschichtigstes. Und als die Band nach Fertigstellung des Albums „Speaking In Tongues“ auf Tournee gingen, diente diese lediglich als Kulisse für Jonathan Demmes („Das Schweigen der Lämmer“) Konzertfilm „Stop Making Sense“, in dem nichts dem Zufall überlassen blieb. Alles war durchchoreografiert, und David Byrne duldete keine Wasserflaschen auf der Bühne, weil diese das Gesamtarrangement gestört hätten. Dieser obsessive Gestaltungswille passt nicht so recht zur demonstrativen Lockerheit, in der er etwa bei einem Konzert über seine Golfschuhe sprach, die er sich eigens für den Auftritt gekauft hatte, obwohl er gar kein Golf spielt.

Die Oscar-reife Musik

Mitte der 80er Jahre ging es dann mit der Filmerei los, „True Stories“ mit John Goodman ist eine verstörende Reise durch die amerikanische Gesellschaft, und für seine Mitarbeit an der Filmmusik zu Bernardo Bertoluccis „Der letzte Kaiser“ hat Byrne zusammen mit Ryuichi Sakamoto 1988 einen Oscar bekommen.

Als es Ende der 80er mit Talking Heads langsam zu Ende geht, widmet sich David Byrne – na, ja – der Weltmusik, obwohl er den Begriff unpassend findet. Über das 1990 gegründete Label Luaka Bop drang kubanische, indische, afrikanische, südamerikanische und japanische Musik in seinen Soundkosmos ein, und als überzeugter Radfahrer legte er 2009 das Buch „Bicycle Diaries“ vor, in dem er seine Zweiraderfahrungen aus Berlin, Buenos Aires, Manila und Sydney beschrieb. Ein Tausendsassa unterwegs.

„I’m ready to leave“, heißt es in dem Stück „Crosseyed And Painless“. Und weiter: Fakten sind nie das, was sie vorzugeben scheinen. Manchmal ist da einfach nichts. Am heutigen Samstag wird David Byrne 70.

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