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Darf man Popmusik schlecht finden, obwohl sie sich für den guten Zweck einsetzt?

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Kalush Orchestra beim Halbfinal in Turin.
Kalush Orchestra beim Halbfinal in Turin. © IMAGO/Lehtikuva

Wie es sich anfühlt, wenn die Moral der Kritik im Wege steht und Künstler den Krieg benutzen, um sich ins rechte Licht zu rücken. Von Klaus Walter.

Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit.“ So steht es jeden Tag in dieser Zeitung. Gemessen an der Wucht der Aussage wirkt die Frage, um die es hier gehen soll, erstmal obszön: Welche Opfer fordert dieser Krieg im Pop? Neben der Renaissance der Nationalismen und der allfälligen Remaskulinisierung und Remilitarisierung der Gesellschaft – pensionierte Generäle auf allen Kanälen – zählt es zu den vergleichsweise geringfügigen Kollateralschäden, dass allein die Erwähnung von etwas so Unwichtigem wie Pop in einem Satz mit dem alles überwölbenden, durchdringenden, unentrinnbaren Krieg bei vielen Leuten für reflexhafte Empörung sorgt. Bitte trotzdem weiterlesen.

Der Krieg zwingt uns zur Beschäftigung mit ukrainischer und russischer Popkultur unter dem Vorzeichen der Solidarität mit dem attackierten Land. Diese Konstellation birgt Aporien. Zumal viele, die jetzt das Wort ergreifen, sich zum ersten Mal mit osteuropäischem Pop beschäftigen, was sie freilich nicht davon abhält, dieses so meinungs- wie moralstark zu tun. Mit Degenhardt gesprochen: Zwischentöne sind bloß Krampf im Klassenkampf (Krieg).

Um diese kaum lösbaren Aporien soll es hier gehen. Am Pop lässt sich nämlich studieren, wie im Zeichen des Krieges zwei Reaktionsweisen, zwei Haltungen in eine ebenso falsche wie unumgängliche Konkurrenz geraten: Hier Moral, Empathie und Betroffenheit, dort Analyse, Kritik und Reflexion. Ihren vorläufigen Höhepunkt erreichte die Malaise kürzlich in Turin. Beim Eurovision Song Contest triumphierte das ukrainische Kalush Orchestra mit „Stefania“, einem – kann man das sagen, ohne das Gebot der Solidarität zu unterlaufen? – rührseligen Lied des Sängers Oleh Psiuk für und über seine Mutter. Doch plötzlich, so ordnungsgemäß gerührt die FAZ, „bekam das Lied eine neue Bedeutung – es ging nicht mehr nur um die Liebe zur Mutter, sondern auch zum Mutterland.“ Staatspräsident Selenskyi gratuliert im Miltär-Jargon: „Unsere Musik erobert Europa.“ Der „Abend in Blau-Gelb“ endet in einem Fahnenmeer, „Stefania“ gilt der FAZ „als Hymne eines ganzen Landes.“

Da will die TAZ nicht nachstehen und stellt klar: „Es war ja auch nicht so, dass die Ukraine aus treudoofer, schlafschafiger und eurovisionärer Gratissoli gewonnen hätte.“ Und, leicht gönnerhaft: „Das Lied ist einfach gut, moderner Seitenmainstream, sympathisch, eher bescheiden in der Performance.“

War nicht eher das Lied bescheiden in seiner schunkelnden Mütterchen-Ukraine-Folkloresentimentalität? Mit HipHop-Beats von der Stange und einer Prise „Ra-Ra-Rasputin“ (Putin?), remember Boney M. und ihr russendiscoider Trashhit, produziert von dem Saarländer Frank Farian. Wäre es nicht ehrlicher zu sagen: Möge die Ukraine den Schlagerwettbewerb gewinnen, wenn es den Menschen dort hilft, aber muss deshalb gleich ukrainische Musik Europa erobern?

Dazu ein Blick in meine Facebook-Blase, dieses hybride Gebilde zwischen privat und öffentlich. Dort stieß ich im März auf die Ankündigung eines Solidaritätskonzerts für die Ukraine in Berlin: „Im Namen der Initiative Sound of Peace werden zahlreiche große Stars an der musikalischen Friedenskundgebung teilnehmen.“ Die Stars: Peter Maffay, Silbermond, Michael Patrick Kelly, Revolverheld, Sarah Connor, The BossHoss, David Garrett, Hartmut Engler von Pur, Clueso, Westernhagen…

Ohne groß zu überlegen, schrieb ich: „Die Kollateralschäden häufen sich. Als wär der Krieg nicht schlimm genug.“ Ein Schnellschuss aus der Hüfte (sorry für die Metapher), fishing for Likes & Smileys unter Friends. Die Reaktionen waren zunächst erwartbar: Häme für das deutsche Pop-Elend, fünf Sekunden Distinktionsgewinn: „Wo bleiben die Scorpions mit Wind of Change?“ „eine veranstaltung, auf der hartmut engler auftritt, muss man weiträumig umfahren“.

Hättest du dir auch sparen können, denke ich, aber dann kommen empörte Stimmen aus meiner Blase: „Und darüber muss man sich jetzt lustig machen?“ „Wie kann man bloß so überheblich sein?“ „Wer jetzt versucht, sich auf Kosten der Kriegsopfer als besserer Mensch in Szene zu setzen, ist unerträglich.“ Auch Alarmvokabeln fallen: „Arrogant!“, „Zynisch!“ Beim Krieg hört der Spaß auf.

Warum hatte ich den matten Kalauer überhaupt auf die Reise geschickt? Es war wohl der Versuch einer Selbstentlastung. Je länger der Krieg, umso zermürbender die Widersprüche: Erschöpfung hier, Gewöhnung dort. Da kommen die Purs & Silbermonde wie gerufen. Bisschen Dampf ablassen, tut ja keinem weh. Von wegen. Erschrocken über den moralischen Furor, der mir da entgegenschlug, schrieb ich einen Nachtrag:

„Oooops, mit diesem Sturm hatte ich nicht gerechnet. Bin auf die Meldung gestoßen und hab das rausgehauen. Dazu möchte ich XY zitieren: ‚kann nicht verstehen, wie die meisten kommentator:innen hier nicht nachvollziehen können, dass man so ne veranstaltung durchaus irgendwie sympathisch finden kann und trotzdem /gleichzeitig/ kulturell unerträglich. dialektik war auch schon mal beliebter als wenn krieg ist.“ Mit der Wahrheit und der Dialektik stirbt bei vielen auch die Fähigkeit, Ambiguitäten auszuhalten, also hier die banale Tatsache, dass erstmal jede Spende, die bei den Leuten ankommt, gut ist, dass man aber trotzdem davonlaufen möchte vor den Stars aus Deutschland. Dass uneindeutige, ambivalente, ironische, opake Sprechweisen, Ausdrucksformen etc. diskreditiert werden zugunsten einer demonstrativen, gratismutigen, moralisch einwandfreien Eindeutigkeit. Da spielt es keine Rolle mehr, dass Westernhagens „Freiheit“ von Coronaleugnern und Querdenkern gegrölt wird. Warum: weil der Song kooptierbar ist mit seinem Lichterkettenpathos. Aber hier wird so getan, als schade so ein Hinweis den Leuten in der Ukraine. Als sei Kritik an Westernhagen unangebracht, weil es doch wichtigere Dinge gibt? Weil wir damit das Leid der Kriegsopfer verhöhnen? Keine Zeit für Nebenwidersprüche? Ja, es ist gut, dass Rapperinnen aus der Ukraine in deutschen Medien zu Wort kommen, aber nein, mir muss deswegen nicht die Musik von Alyona Alyona gefallen. Ja, mir tun die Opfer leid, aber ich muss darüber nicht vergessen, dass das Sting-Lied von den Russen, die doch auch ihre Kinder lieben, sentimentaler, vernebelnder Politkitsch bleibt.“

Soweit mein Facebook-Rant. Kurz darauf meldet Stings Plattenfirma, dass dieser seinen Song „Russians“ in einer „neuen Guitar/Cello Version“ aufgenommen habe. Für den guten Zweck bleibt uns nichts erspart.

„Der Ukraine bleibt wirklich nichts erspart.“ So kommentierte kürzlich der Autor Claas Gefroi auf Facebook die folgende Nachricht: „Bono spielt ein Überraschungskonzert in einer U-Bahn-Station in Kiew. U2-Frontmann tritt vor einer kleinen Gruppe ukrainischer Fans auf.“ Max Müller, Sänger – nicht „Frontmann“ – der Berliner Band Mutter sekundiert: „Als ob der Krieg nicht schon schlimm genug wäre.“

Auch hier folgt auf den vorhersehbaren Witz der vorhersehbare Applaus – und die vorhersehbare moralische Empörung. Ein interessanterer Einwand, der eine Ursache der Aporien des Ost-West-Kulturtransfers tangiert, kommt von Artur Weigandt in der „Welt“. Es sei ja mutig, dass U2 in Kiew auftreten, aber:

Bono (hier in Irpin) am 8. Mai. Foto: Sergei CHUZAVKOV / AFP
Bono (hier in Irpin) am 8. Mai. Foto: Sergei CHUZAVKOV / AFP © AFP

„Keiner hört sie. Keiner kennt sie... Die Ukraine orientiert sich westlich. Die Musik bleibt aber osteuropäisch-ukrainisch. Sie ist Teil der ukrainischen Identität. Englisch spielte kaum eine Rolle. U2 nicht. Bon Jovi auch nicht. Man kennt sie im Osten nicht.“ Wenn das stimmt – und ich kann das so wenig beurteilen wie die Schreibtischexperten aus meiner Blase, die im Februar über Nacht von Hobbyvirologe auf Militärexperte umgeschult haben – dann hätten wir einen weiteren Beleg dafür, wie wirkmächtig der Eiserne Vorhang war.

Wie tief die Kluft zwischen der Erfahrungswelt Ost und der Erfahrungswelt West, wie kompliziert die Ungleichheiten & Ungleichzeitigkeiten zwischen Ost und West. Wie anders, wie fremd die Musik klingt, die als Vehikel der Solidarität aus der Ukraine herüberweht, wie falsch es aber auch ist, diese Gräben und Fremdheiten totzuschweigen. Beispiel Beton. Diesen hübschen Namen gab sich eine ukrainische Punkband, die kurz nach Kriegsbeginn auf die Idee kam, „London Calling“ zu covern, das alte Schlachtross (sorry) von The Clash, als „Kyiv Calling“ – für die Ukraine-Solidarität. „Now war is declared, and battle come down“, singt der zornige Joe Strummer im Original, wer da wem den Krieg erklärt, bleibt unklar.

Mit seiner vagen Radical Chic-Rhetorik ist „London Calling“ prädestiniert für einen karitativen Ruf zu den Waffen. Von den frühen Punkbands ist The Clash die verbalmilitanteste. In „Spanish Bombs“ beamen sie sich in den Bürgerkrieg gegen Franco, in „Sandinista“ an die Seite der Guerilla in Nicaragua, in Flecktarn posieren sie am Stacheldraht in Nordirland. Mit seinem stampfenden Marschbeat bietet sich „London Calling“ an für eine kriegskonform aufgepimpte Adaption mit rollenden RRRs, Ukraine Style. „Kyiv Calling“ macht schnell die Runde, endlich mal ein Solibeitrag, den man auch als alter Punkrocker goutieren kann. Sogar Billy Bragg, das gute Gewissen der britischen Old School-Labour-Linken, verbreitet das Video. Dann kommt raus, dass die Betonmusiker mit ihrem dem Ramones-Logo nachempfundenen Artwork Stepan Bandera huldigen. Bandera – ukrainischer Nationalist, aktiv am Holocaust beteiligt, bis heute von vielen Landsleuten als Held verehrt. Billy Bragg konfrontiert Beton mit diesen Fakten, die Band spricht von Missverständnissen und von der unaufgearbeiteten Geschichte der Ukraine.

Damit nicht genug, jetzt kommen auch noch Pink Floyd zurück. Mit neuem Sänger. Im Video performt der ukrainische Rockmusiker Andriy Khlyvnyuk in Kampfuniform mit Sturmgewehr ein patriotisches Lied: „Oi u luzi chervona kalyna“ (Der rote Schneeball auf der Wiese), dazu soliert David Gilmours Gitarre.

Im Radio spricht David-Emil Wickström von der Pop-Akademie Mannheim mit Ost-Akzent über „Putin, Pop und Propaganda.“ In russischen Liedern werde Putin gepriesen, in ukrainischen der Untergang der „Moskva“ bejubelt, musikalisch gebe es aber keine großen Unterschiede beim Prop-Pop. Spätestens jetzt wünsche ich mir (un)heimlich den Eisernen Vorhang zurück. Jene aufgeräumte Zeit, als Walter Ulbricht seine ostdeutschen Untertanen anwies, nicht jeden Dreck aus dem Westen nachzuäffen, „dieses Yeeeh Yeeeh Yeeeh, und wie das alles heißt.“

Je länger der Krieg dauert, desto lästiger wird die erzwungene Konfrontation mit dem fernen Osten, jammert der privilegierte Western-Pop-Connaisseur in mir. Nein, ich will keinen ukrainischen Punk! Ich will keinen Soli-Pop aus dem Westen, der die Logik von Remaskulinisierung und Remilitarisierung affirmiert. „Zelensky: The Man With the Iron Balls“ – unter diesem Motto feiert eine Allstarband den ukrainischen Präsidenten. Die Truppe (sic) rekrutiert sich (sic) aus dem Hochadel des angloamerikanischen Rock: Les Claypool von Primus, Gogol Bordellos Eugene Hütz, er hat ukrainische Vorfahren, Police-Drummer Stewart Copeland und Sean Lennon, Imagine! Eine Person könne den Unterschied machen, heißt es im Song, wenn sie aufrecht steht mit eisernen Eiern. „Unter dem Stahl“ betitelt derweil „Der Spiegel“ ernstjüngeresk einen Report aus dem Stahlwerk von Mariupol. Darin antwortet ein ukrainischer Polizist auf die Frage, warum die Russen nicht vorwärtskommen: „Weil das Stahlwerk von Männern mit Eiern verteidigt wird.“ In Deutschland denkt man(n) da an Oliver Kahn, den Titan mit seinem Schlachtruf (sic): Wir brauchen Eier! Weiter östlich werden Erinnerungen an Josef Wissarionowitsch wach, nom de guerre: Stalin, zu deutsch: stählern. Dazu passt die Lesart des Ukrainefeldzugs als Krieg der Vergangenheit gegen die Gegenwart.

Die anhaltende Renaissance des Stalinismus, so die These, habe das Klima bereitet für den Mann im Kreml mit seinem Eishockeyschläger, dem getrimmten Brustkorb und den stählernen Eiern. Vielleicht wäre Putlin doch der passendere Nickname als Putler. Zumal der Anstreicher aus Braunau doch nur ein Ei… ok, lassen wir das.

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