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Daniil Trifonov im Friedrich-von-Thiersch-Saal des Wiesbadener Kurhauses.  

Rheingau Musik Festival

Daniil Trifonov mit bunten Blättern in Wiesbaden

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Der russische Pianist Daniil Trifonov, Artist in Residence beim Rheingau Musik Festival 2019, spielt im Kurhaus Wiesbaden. Er kann alles, aber nicht alles gelingt ihm.

Auf den ersten Blick liest sich das Programm, das der russische Pianist Daniil Trifonov aktuell auf Tournee spielt und das er jetzt auch im Wiesbadener Kurhaus vorstellte, nicht außergewöhnlich: Im ersten Teil eine eher frühe Beethoven-Sonate (op. 31/3) und Robert Schumanns „Bunte Blätter“ op. 99, im zweiten dann die achte Klaviersonate von Sergei Prokofjew. Doch vor die Beethoven-Sonate setzt Trifonov, attacca verbunden, noch dessen Einzelsatz „Andante favori“, und den „Bunten Blättern“ lässt er ebenso nahtlos noch ein „Presto passionato“ folgen, wiederum einen ursprünglich für eine Sonate gedachten Satz Schumanns, den dessen Ehefrau Clara für zu kompliziert und schwierig gehalten hatte, was durchaus nachvollziehbar ist.

Daniil Trifonov, aktueller Artist in Residence des Rheingau Musik Festivals und mit gleich sechs Auftritten die präsenteste Persönlichkeit dieser Sommerkonzertreihe, macht also aus der ersten Konzerthälfte etwas ganz anderes. Indem er die beiden Einzelsätze hinzufügt, löst er das Sonatengebilde auf und fokussiert auch bei den „Bunten Blättern“ das, was sie im Grunde sind: Einzelsätze, Charakterstudien. Ja, nicht weniger als 20 Charakterstücke reiht der Pianist damit aneinander, eine fast unendliche Abfolge bunter Blätter. Das dauert 70 Minuten und macht ein wenig ratlos: Was will der Künstler damit sagen?

Beethovens „Andante favori“ und Schumanns „Presto passionato“ waren hier unbedingte Bereicherungen: Wie ernst-entspannter Schubert-Gesang klingt ersteres, wenn man es so überlegen spielt wie Trifonov, zweiteres zeigte sich als hoch verdichtetes Tönedickicht, durch das der Pianist ohne Machete einen Pfad suchte. Stark auch seine Beethoven-Sonate, vor allem das Scherzo in seiner kantigen Motorik und seinem rasanten Anrennen, ein ganz kauziger Charakter. Schumanns Lose-Blatt-Sammlung hingegen konnte einen gespalten zurücklassen: Ungemein ausdrucksstark der letzte „Geschwindmarsch“, nicht weniger die „Abendmusik“. Aber hätten sich gerade die ersten Blätter nicht mit deutlich weniger Pedal delikater entfalten können?

Blatt Nummer drei, „Frisch“ betitelt: frisch klang da nichts, vielmehr welk und weich, auch das „Präludium“ versank im überpedailsierten Diffuston. Trifonov scheint seinen Schumann im Verschatteten zu bevorzugen oder gar als Bruder Rachmaninows anlegen zu wollen. Die Mittel dazu hat er. Die Frische bleibt dann aber ausgesperrt.

Alle Mittel, keine Frage: Daniil Trifonov, wohl der meistbeleuchtete unter den aktuell praktizierenden Pianisten, spielt auf einem Level, auf dem technische Versiertheit nicht mehr zum Thema werden muss. Er kann Töne formen und Gestalt annehmen lassen, wie es ihm gefällt. Das demonstrierte er in Wiesbaden in der achten Prokofjew-Sonate, die er markant und präsent, aber nicht betont radikal spielte. Er verschaffte der Musik Körper – einer Musik, die auch und gar nicht schlecht auch Skelett sein könnte.

Die Zugabe nach einem ohnehin langen Abend: Die „Vocalise“ von Rachmaninow in einer eigenen Bearbeitung.

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