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Sicher wächst hier irgendwo zum budenwackelnden „Dandelion Time“ ein Löwenzahn.

Musik

„Wooh Dang“ von Daniel Norgren: Den Mond ankrähen

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Ein Album für die Welt: „Wooh Dang“ von Daniel Norgren und Band feiert Eigenwilligkeit und Alltag.

Musik, die vom Rand kommt, ihren eigenen Pfaden folgt. In den Brechungen eines Wasserstrudels die ganze Welt sieht. Die Kraft und Seele hat. Soviel davon, um ein Publikum zur frühen Nachmittagsstunde und bei mehr als 30 Grad im Schatten auf die Beine zu bringen, in Bann zu schlagen. So geschehen während des Herzberg Festivals, vor wenigen Wochen.

Das neue Album von Daniel Norgren ist „Wooh Dang“ überschrieben und bereits seine achte Veröffentlichung. Erstmals ist der Schwede damit weltweit präsent. Was Mitte der 2000er Jahre mit selbstgebautem Instrumentarium – darunter Percussion-Objekte aus Autoschrott, Reifenteilen, Sprungfedermatratze – und eigenwilliger Songbauweise begann, wurde in ländlicher Abgeschiedenheit weiter verfeinert, zu einer unverwechselbaren Mixtur aus Blues, Folk, Rock und was-du-willst verschraubt. Zum ewigen Arsenal gehören Schifferklavier und Mundharmonika, verwilderte Gitarre, ein Mysterium namens „Ambience“.

Aufgenommen wird noch immer in südwestschwedischer Landschaft, diesmal war ein Bauernhaus aus dem 19. Jahrhundert willkommener Hort für die freifliegenden Norgren’schen Phantasien. Dass darin ein altes, einst in Deutschland fabriziertes Piano vorgefunden wurde, hat die Kompositionslinie auf „Wooh Dang“ deutlich geprägt. Nach den beiden Vorgängern mit ihren ruhigen Moll-Stimmungen zeigt sich die erneut auf Superpuma Records erschienene Song-Sammlung in spannungsreicher Frische. Klar, dass die obligatorische Sound-Kleincollage – heute Vogelzwitschern über Synthesizer-Fläche – nicht fehlen darf.

Mit dem auf sechs Minuten gedehnten und Klavierspielerhänden vertrauenden „The Flow“ ist umgehend die Messe gelesen. Der schrägen Kunstfertigkeit – ein Experimenteur wie Howe Gelb als Bluts- und Gesinnungsbruder – von Norgren und Band ist nicht mehr zu entkommen. Der Drummer tupft, der Sänger krächzt. „Bumming around trying to find the flow“: erste Zeile, der Gitarrenschlieren à la Neil Young nachfolgen. Einmal pfeift der 36-Jährige durch die Zähne – erlaubt sich, was auf Perfektion getrimmte Toningenieure zur Weißglut bringen dürfte.

Es sind Stücke, die klassische Vorbilder nicht verleugnen, auf Traditionen vertrauen, ihren Meisterrang aus authentisch-grundierter Querdenkerei speisen. Humorvolle Verschrobenheit bis hin zur Cover-Gestaltung: ein bunter Gockel, wachen Auges den Mond ankrähend. – Das Bildnis des Künstlers als nimmermüder Hühnervogel?

Stimmungswechsel. Ein Shuffle zum Budenwackeln ist „Dandelion Time“, in seiner bluesgetränkten Tönung ein Höhepunkt, dem neben aller Löwenzahn-Verzücktheit auch ein „Kill the Blues“ mitgegeben werden darf.

Mit dieser Scheibe ist bei allem nachdenklichen Verweilen auch ein ungehemmtes Wippen in der Welt, Bob Dylans „New Morning“-Phase nicht weit, Lebenskraft beruht auf Herzensgüte. „You’re the coffee in my cup“ – lässt sich die Liebesbekundung schöner formulieren?

Überhaupt diese einfachen Textformungen, dem Urwüchsigen abgelauscht. Überschaubarer Wortschatz, Wiederholungen, Variationen, beschwörend, lockend. Alltagserfahrungen als Basis, aus dem so genannten Randständigen die Rhythmen der Erkenntnis gewinnend.

„Rolling Rolling Rolling“ ist genau das, was der Titel verspricht. Große Songwriter-Schule, der unvergessliche Trance-Gospel-Klassiker 2019: melancholisch und tröstlich, unnachahmlich antreibend. Einer Zeit entsprungen, als Musik noch Wirkung auf unser Dasein hatte. „And I wonder / how long / this same / old song / can carry on.“ Norgrens Modulation ist ergreifend, aufwühlend – die Dauer von vier Minuten wird bei der Live-Darbietung auf das Mehrfache gestreckt. Und es rollt und fließt, rollt und fließt. Und es ist gut.

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