Palmengarten Frankfurt

Daniel Kahn & The Painted Bird: Das Glück auf Frankfurter Seite

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Beim ersten „Summer in the City“-Konzert liefern Daniel Kahn & The Painted Bird  im Frankfurter Palmengarten, was versprochen war.

Wunderschön und wild stand vorher auf der Packung dieses ersten von sechs „Summer in the City“-Konzerten des Mousonturms im Palmengarten (immer dienstags bis 27. August). Wunderschön und wild wurde geliefert. Bevor es ans Detail geht, sei dem Detroiter in Berlin Daniel Kahn Bewunderung gezollt, weil er so wunderschöne und kluge, aus Jiddisch, Englisch, Hochdeutsch und anderem mehr verquirlte Bandwurmlieder von nie endender, doch immer fein gereimter Strophenzahl und bissigem Anarchowitz zustandebringt.

Seine Mamme im Publikum, die er so artig grüßte, wie es sich gehört, darf, wird und muss stolz gewesen sein, da sie eigens aus Detroit herüberflog vor diese Konzertmuschel in einem sonnig-heißen Frankfurter Garten im Juli. Der musischen Vierheit sei gedankt, weil sie dem Saitenspiel an Kahns Piano und Jake Shulman-Ments irrwitziger Fidel, aber auch dem Klarinettgebläse Christian Dawids und Hampus Melins Schlagmetall auf jene stilecht kauzigen, rhythmischen Sprünge zwischen marschierender Hochzeitsfröhlichkeit und schiefer Östlichkeit im Niemandsland von Jerusalem und Zarenschtetl verhalf, die man mit dem Stilbegriff Klezmer zu verbinden pflegt.

Für einmal sei sogar dem tanzenden Publikum gedankt, weil es für eine utopisch stillgestellte Spanne Zeit einen Mittelweg zwischen dem, nach außen hin, narzisstischen Selbstausdrucks-Solipsismus tänzelnder Frankfurter Jungintellektueller und dem Dasein chassidischer Vogelmenschen fand, und sei es nur im kruden Anschein.

Denn ja, es war ein furioser Trip, der auch noch eine erste Zugabe beim wüst-punkigen Vertröpfeln wert war, dann eine zweite als Akkordeonsolo zu Leonard Cohens „Hallelujah“ in traurigem, aber lebendigem und damit nicht ganz so traurigen Jiddisch und endlich eine dritte, in der sich Kahn nebst Band fröhlich polternd „wie ich geh, wie ich steh“ zum „mazeldiker jidd“ erklärten: zum „mighty lucky jew“ oder wahrhaften Glücksjuden. Dass das Glück hier ganz auf Frankfurter Seite lag, muss nicht groß betont werden. Schön übrigens, wie Daniel Kahn in seine mehrsprachige Fassung von Tucholskys „Küsst die Faschisten, wo ihr sie trefft“ unter Kusslauten ins Mikro auch einen AfD-Vers hineinreimte.

Kahns Sprachwitz stets hinterherzukommen oder auch nur jeden Song zu bestimmen, um ihn mit der kritischen Nadel aufzustechen und sauber abzukleben, wäre bei alledem zuviel verlangt. Mit Mut zum Generalismus wie dem der neuen Palmengarten-Direktorin Katja Heubach, deren scharfem komparativen Blick mitnichten entging, dass es an diesem Abend weniger Hüte und mehr junge Gesichter gebe als letzthin beim Jazz am selben Ort, kommt man aber auch zum Ziel.

Das denn auch erreicht wäre, nicht ohne die vernommene Mixtur aus jiddischem Folk und Klezmer, balladeskem Singer-Songwriting à la Tom Waits und klingendem Geistergespräch mit Brecht, Weill, Tucholsky und politischer Aktualität unter einem unzähmbaren Punkdressing ein letzten Mal zu – rühmen.

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