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Daniel Hope mit dem Programm „Air“ beim Rheingau Musik Festival in der Lutherkirche Wiesbaden. 

Rheingau Musik Festival

Daniel Hope spielt im Rheingau frühen Barock der Superlative

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So flink der Bogen, dass sich Umstehende im Wind erkälten: Daniel Hope in Wiesbaden.

In einem gesprächigen Konzert vermittelte Daniel Hope beim Rheingau Musik Festival in Wiesbaden einen fabelhaften Eindruck von den Unterhaltungswerten des Barock. Dessen Steifheit bei größtmöglicher Ariendehnung und Lockendrehung ist gewissermaßen ohnehin ein Irrtum und, wenn überhaupt, lediglich ein Phänomen der Spätzeit. Und das Programm „Air“ (anknüpfend an eine schon 2009 herausgekommene CD) in der Lutherkirche griff zudem weit zurück, begann mit dem spanischen Renaissancekomponisten Diego Ortiz und interessierte sich für Raritäten von Nicola Matteis, Johann Paul von Westhoff oder Andrea Falconieri.

Das Ausmaß, in dem es dabei um Experimentierlust und geradezu einen Neuigkeitenwahn ging, um Spektakel und Superlative, dokumentierte eindrucksvoll die Anschlussfähigkeit des Barock an unsere Tage unter Überspringung erhabenerer Phasen der Kultur. Rund um Hope war alles Wirbel und Improvisation oder wenigstens improvisationshaft. Dafür stand zumal der Leipziger Perkussionist Michael Metzler, der eine Vielzahl von Instrumenten einsetzte, neben Trommel und Tambourin Holzbrettchen als Kastagnetten oder zuweilen seine Wangen. Auch spielte er behend und nervig den Dudelsack, um Matteis’ „Ground after the Scotch Humour“ einzuleiten (auch dies ein Späßchen, weil Schotten bekanntlich keinen Humor haben, das lehrten uns die Engländer, als sie noch witzig waren).

Der Begriff des Perkussiven löste sich hier weitgehend auf, so facettenreich und feinsinnig sind die Möglichkeiten eines Tambourins oder einer großen Trommel, wenn feine Finger ins Spiel kommen, die wirklich nur theoretisch das stumpfsinnigste Instrument ist. Und so hingefetzt und rhythmisch grundierend setzte umgekehrt etwa Nicola Mosca das Cello ein oder Emanuele Forni Laute und Gitarre. Der Übergang von der Geige vom bis dahin vorrangig fiedelig schroffen Rhythmus- zum süß singenden Melodieinstrument zeigte sich beispielhaft in Falconieris „La suave melodia“.

Sensationen nämlich bot die sechsköpfige, durchaus zu Albernheiten aufgelegte Combo, wohin man schaute und hörte: Bei den ersten Aufführungen von Antonio Vivaldis Evergreen „La Folia“, berichtete Hope – und das Spiel machte es dann glaubhaft –, seien seinerzeit die Frauen ohnmächtig geworden, während die Männer Schreianfälle bekamen.

Westhoff habe mit seiner rasanten Sonate „La Guerra“ die Aufmerksamkeit von Ludwig XIV. erzwingen wollen, was, so Hope, so gut gelungen sei, dass er täglich seinen Auftritt damit hatte, freilich auch immer dasselbe Stück spielen musste (der Umgang mit Ohrwürmern vor dem Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit).

Matteis’ Geigenspiel schließlich sei so virtuos gewesen, dass einem Scherz zufolge seine Umgebung durch die Windentwicklung Gefahr gelaufen sei, sich zu erkälten. Natürlich hatte es eine ironische Seite, dass der Geiger und Tonangeber des Abends ständig Grund hatte, das technisch Virtuose der Kompositionen zu betonen, um sie dann aber selbst zu spielen, als sei es seine leichteste Übung. Charme und Könnerschaft waren bei dem 45-Jährigen allerdings wieder gleichermaßen groß, so dass sich alles stets zum Gutgelaunten wendete.

Hope wurde beim Rheingau Musik Festival begrüßt als alter Freund. Der erfolgreiche Netzwerker ist soeben auch zum Präsidenten des Vereins Beethoven-Haus Bonn gewählt worden. Wer denkt, das Leben eines Violinvirtuosen sei logischerweise einsam, der irrt.

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