1. Startseite
  2. Kultur
  3. Musik

Daniel Guggenheim Quartet: Mit Reife und einem langen Atem

Erstellt:

Von: Hans-Jürgen Linke

Kommentare

Daniel Guggenheim. Foto: Henning Goll
Daniel Guggenheim. Foto: Henning Goll © Copyright 2014, Henning Goll, fotogoll.de, all rights reserved

„Red Orange And Blue“, ein Balladen-Album des Daniel Guggenheim Quartet

Reife, meint der Saxofonist Daniel Guggenheim, sei eine Voraussetzung dafür gewesen, sich ein Balladenalbum zuzutrauen, und er bringt diese Eigenschaft schmunzelnd mit einer Erwähnung seines Alters (68) in Zusammenhang. Vielleicht sollte man auch erwähnen, dass im Jazz eine Ballade etwas Ähnliches ist wie in der Literatur, nämlich ein lyrisches Gebilde mit erzählerischer Grundhaltung. Für Abgründe und Ausbrüche gibt es da zwar auch Raum, aber immer im Rahmen des epischen Grundkonsenses. Und Reife ist bekanntlich nichts, was sich allein anhand der Jahre, die vergangen sind, messen ließe.

Bei Daniel Guggenheim ist mehreres zusammengekommen zu den Voraussetzungen für das Quartettalbum „Red Orange And Blue“. Da ist einmal ein ihm eigener melodischer Erfindungsreichtum, der an intensiven musikalischen Lebenserfahrungen geschult ist und unerschöpflich erscheint, der einen langen Atem hat und vorzüglich ergänzt wird von seiner enormen dynamischen und klangfarblichen Nuancierungsfähigkeit sowie seinem präzisen Gespür für dynamischen Abstufungen.

Zweitens ist da die Fähigkeit, sich Mitmusiker auszusuchen, die den Impulsen des Bandleaders ebenso folgen wie ihren eigenen und die in puncto Reife (wohlgemerkt: nicht unbedingt in Hinblick auf das erreichte Alter) bei ihm mithalten können.

Daniel Guggenheim, der seit vielen Jahren in Frankfurt lebende Schweizer, ist also nicht nur reif dafür, eine Sequenz von acht im Laufe seiner über 30 Berufsjahre selbst komponierten Balladen auf einem Album zu versammeln, er hat auch Glück gehabt. Denn einerseits haben sich alle Musiker seines Quartetts auf ähnlichen Wellenlängen getroffen und eine Suite von erstaunlicher Homogenität eingespielt, die den Eindruck erweckt, es könnte sich durchaus um acht variable Strophen des gleichen Liedes handeln.

Red Orange and blue

Daniel Guggenheim Quartet. Laika Records/ Rough Trade.

Leises Klingeln, Rascheln

Andererseits folgt aus dieser Homogenität keine Eintönigkeit. Schlagzeuger Silvio Morger tut immer das Richtige. Er fängt an den richtigen Stellen eine Zuspitzung ab, klingelt leise auf den Becken, raschelt auf der Snare und zieht dann mit traumhafter Präzision die Dynamik an. Stets trifft er Entscheidungen, die äußerst individuell sind und klangsinnlich und zugleich gruppendienlich.

Bassist Dietmar Fuhr findet in seinen Soli immer den passenden Ton und die angemessenen Klangcharaktere. Er arbeitet auf sensible und elastische Weise mit Morger in und an der Rhythmik und setzt markante solistische Akzente.

Auch Sebastian Sternal, der Jüngste im Bunde des Quartetts, lässt keinerlei Reifedefizite erkennen. Er ist immer als perfekter und erfahrener Begleiter nahe beim Solisten, und er produziert oft derart überraschende und erfrischende fill-ins, voicings und solistische Ideen, dass es eine reine Freude ist, diese pointierten Bereicherungen im balladesken Mikrokosmos zu verfolgen.

Die Tempi sind gemessen und pulsen in gelassen fließendem Rubato dahin, ohne sich aufzulösen. Niemand stört die Melancholie, aber jeder tut etwas Eigenes dazu. Die Atmosphäre ist voller Wärme und melodischer Intensität, die sich auch in expressiveren Passagen hält. Reife, so weit das Ohr reicht.

Auch interessant

Kommentare