1. Startseite
  2. Kultur
  3. Musik

Daniel Barenboim wird 80 – Der Wundererwachsene

Erstellt:

Von: Judith von Sternburg

Kommentare

Daniel Barenboim (neben der Klavierspielerin) bei einem Meisterkurs in Ramallah, 2004.
Daniel Barenboim (neben der Klavierspielerin) bei einem Meisterkurs in Ramallah, 2004. © afp

Der Dirigent und Pianist Daniel Barenboim feiert am heutigen Dienstag seinen 80. Geburtstag.

Eine Orchestermusikerin erzählte einmal, wie Daniel Barenboim es hasse, dass wieder eine Sängerin wegen Krankheit habe ausgetauscht werden müssen und seine feinst austarierte Bühnen-Graben-Koordination durcheinander geraten sei. Die Anspannung sei mit Händen zu greifen gewesen, sagte die Frau, Barenboim nämlich der akribischste Dirigent, den sie je bei der Arbeit erlebt habe. Wer sich neben der Akribie gerne noch etwas Großes und Ganzes vorstellt, denkt vielleicht an Barenboims Sentenz über Wilhelm Furtwängler: „Der Philosoph hat probiert, und der Poet hat am Abend dirigiert.“

Barenboim und das Nazi-Aushängeschild Furtwängler, was soll man dazu sagen. Als Elfjähriger durfte Barenboim ihm 1954 in Salzburg vorspielen („ich habe es geliebt, Klavier zu spielen, ich hätte jedem vorgespielt“), Furtwängler erklärte, dieses Kind sei ein Phänomen. Dass das so gerne zitiert wird – auch von Barenboim selbst, der ja kein schüchterner oder unsicherer Mensch ist –, mag damit zu tun haben, dass auch dieser Erwachsene ein Phänomen ist. Viele Musiker und Musikerinnen beginnen als Wunderkinder, und ein solches war Barenboim, am 15. November 1942 in Buenos Aires geboren, zweifellos. Sein Vater war sein Klavierlehrer, der Siebenjährige gab sein erstes Konzert, und nach der Übersiedlung der Familie nach Israel nahmen sich auch andere des „Phänomens“ an. Der Zwölfjährige studierte bei der legendären Musiklehrerin Nadia Boulanger in Paris Theorie, der 13-Jährige debütierte als Dirigent.

Während es Barenboim gelingt, weiterhin als Pianist tätig zu sein, ist das Pult der Arbeitsplatz seines Lebens. Elegant, rasch und organisch entwickelt sich das alles – inklusive Salzburg, Bayreuth –, und 1992 beginnt die lange Geschichte mit der Berliner Staatsoper, deren Künstlerischer Leiter und GMD er seither ist. Die Staatskapelle wählte ihn inzwischen zum Chefdirigenten auf Lebenszeit. Es ist fast eine Erleichterung, dass gelegentlich einmal Kritik an seinem Führungsstil laut wird. Selten scheitert er, so (vorerst) mit seinen Versuchen, Richard Wagners Musik in Israel wieder salonfähig zu machen.

Barenboim darf man sich vermutlich auch nicht als leisen Menschen vorstellen. Und außermusikalische Dinge blendet er einfach nicht aus, das krasseste denkbare Gegenteil zu Furtwängler, aber auch zu weiten Teilen einer Branche, die zwar nicht im Elfenbeinturm residiert (viel zu eng für das praktische Musiktheater), aber gerne unter sich bleibt.

Barenboim hingegen gründete mit Edward Said das West-Eastern Divan Orchestra, in dem junge israelische und palästinensische Musikerinnen und Musiker sich begegnen. Ein Verständigungsprojekt, das seinesgleichen sucht, abgesehen davon, sonst würde es nicht zu Barenboim passen, ein sehr gutes Orchester.

Nicht auszudenken der Kummer eines Musikers und Machers, eines der Megaopernprojekte dieser Saison wegen seiner schwerwiegenden Erkrankung kurzfristig absagen zu müssen: Die in einer Bayreuth-Zeit in einer Woche durchgezogene „Ring“-Premiere, mit zwei weiteren Serien im Anschluss. Neben Christian Thielemann sprang Thomas Guggeis in die Produktion, Barenboim-Schüler und -Vertrauter und Frankfurts künftiger Generalmusikdirektor. Man hört nur das Beste.

Dass es immer weiter geht und immer etwas Gutes nachkommt: Daniel Barenboim weiß das nicht nur als kluger Mensch, er tut dafür auch, was er kann. 2012 eröffnete in Berlin die Barenboim-Said-Akademie. Und nichts machen wir lieber, als Barenboims Ankündigung so rasch wie eben möglich an den Arbeitsplatz zurückzukehren, als konkrete und realistische Ansage zu nehmen.

Auch interessant

Kommentare