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Carolina Eyck am Theremin beim „Music Discovery Project“ in der Jahrhunderthalle.  

Neue Musik

„cresc...“-Biennale in Frankfurt: Tante Sinfonieorchester im Kreis der Nichten und Neffen

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Die „cresc... Biennale für aktuelle Musik“ spannt einen weiten Werke-Bogen auf.

Human_Machine“: mit dem Titel von „cresc... Biennale für aktuelle Musik“ – jener mehrtägigen Veranstaltung des Hessischen Rundfunks, die mittlerweile auch das immer in der Jahrhunderthalle stattfindende sinfonisch-poppige „Music Discovery Project“ umfasst – waren kulturrelevante Probleme aufgerufen. Digitale Technik durchdringe zunehmend das Alltagsleben der Menschen, hieß es, und über die positiven wie negativen Potentiale des Miteinanders von Mensch und Technologie werde teils heftig gestritten.

Der Biennale-Start war das „Music Discovery Project“, wo die Mensch-Maschine-Synthesen aber nicht etwa auf Audio-Implantate oder gesteuerte neuronale Schwingungsphänomene abzielten. Die gute alte multi-mediale Fusion-Ästhetik mit den Schlagworten Grenzüberschreitung und Stilmix „voll grooviger Energie, Vokal-Akrobatik und satten Beats“ war gemeint.

Und tatsächlich, die Halle mit vielen jungen Leuten erbebte unter ihrem gewölbten Dach, so nahe kamen sich in energetischer Abfuhr Sinfonik und Rap. Wegen letzterem und namentlich wegen Samy Deluxe waren, wie der Begrüßungsapplaus bewies, viele zu dieser klingenden Sparten-Vereinigung gekommen. Die in Sachen elektronischer Verstärkung dem unter Leitung Steven Sloanes bestens präparierten HR-Sinfonieorchester nicht gut bekam: stumpf die Streicher, plärrend das hohe Blech, polternd das Schlagzeug.

cresc ... Biennale für aktuelle Musik,  Frankfurt: bis 7. März. www.cresc-biennale.de

Als einziges dem Mensch-Maschine-Thema näherstehendes Phänomen mischte sich ab und an ein Theremin ein. 1920 entwickelt, baut dieses Instrument zwei elektrische Schwingungskreise auf, in denen man mit seinen Händen berührungslos Töne unterschiedlichster Höhe, Lautstärke und Bewegungsfolge schöpfen kann. Carolina Eyck war die phänomenale Virtuosin dieser Klangwelt aus Elektrizität, Luft und humaner Physis: ein sirenenhaftes Fluidum von Kicher-Klängen bis zu donnerndem Schall.

Von Seiten des Orchesters gab es Bruckner- und Dvorák-Scherzi sowie Minimal Music von Steve Reich und John Adams: unsubtil in der Pattern-Verwebung und dem Anpassungsdiktat des Abends folgend mit knalligen Schlagimpulsen. Dennoch: gerade im Kontext der Staccato-Exklamationen von Deluxe war der Abend ein Beweis für die Vitalität der alten Tante Sinfonieorchester, die im Kreise ihrer nicht wirklich zur Familie gehörenden Nichten und Neffen offensichtlich Eindruck machte. Deluxe wiederum erwies sich als ein Vertreter seiner Zunft, der der in diesem Genre notwendigen Underdog-Konfektion auch ironisch begegnen kann.

Ein Kompliment den Programm-Machern, die es fertigbrachten, zwischen den sinfonischen und minimalistischen Krachern ein Werk Arvo Pärts aus der Zeit vor seinem neo-gotischen Konstruktivismus („Perpetuum mobile“) unterzubringen. Und das futuristische und bruitistische Werk schlechthin: Alexander Mossolows „Eisengießerei“ (1926-28). Jenes Klang- und Stampf-Konglomerat der Schwerstarbeit, das ziemlich vieles an kalter und heißer Gewalt der musikalischen Moderne in den Schatten stellt – und das man eigentlich nie zu hören bekommt. Schön die Visuals des Abends (Motion-Design: Nico Drago, Chuong Bui, Martina Sauer und Steffen Wagener). die oft den klanglichen Ereignissen den Rang ablaufen konnten.

Disco-Besuch für Hochkulturbegabte hätte man mit dem Spott von Samy Deluxe anderntags den Abend im LAB nennen können, wo ein avantgarde-gewöhntes Publikum die dunkle Höhle der taktilen Verausgabung betrat und, etwas angestrengt umhergehend, wie einer Zirkus-Attraktion der Turntable-Virtuosität Shiva Fesharekis in „Opus Infinity“ beiwohnte. Umloopt von einschlägigen krachenden und wabernden Klangschleifen sowie Interjektionen, die die Musiker des Ensemble Modern beisteuerten. Alles großartig in Raumklang aufgelöst von Norbert Ommer, den man sich gerne in der Jahrhunderthalle als Finalisator des Klangs gewünscht hätte.

Vorher das 1926 uraufgeführte „Ballet Mécanique“ von George Antheil in einer 50er-Jahre-Version für vier Klaviere und 12 Schlagzeuger: fordistische Manifestation in Fließband-Wechselschichten. Enno Poppe dirigierte das Ensemble Modern emphatisch und war bei seinem eigenen Werk „Rundfunk für 9 Synthesizer“ von 2018 im Verein mit dem ensemble mosaik Mitglied einer Art Laptop-Musikantentruppe, die auf blendende Weise unterhielt mit bröckeligem Blubber- und Piepsergranulat sowie pathosgeladenen Schallwalzen. Elektronischer Edeltrödel mit Nostalgiewert.

Fünf Uraufführungen, wieder mit dem famosen Ensemble Modern unter Enno Poppe, bescherte der Sonntag in Offenbachs Albert-Schweitzer-Schule, wo die Turnhalle mittels inwendiger, halbtransparenter Verhüllung samt Lichtstimmungen (von YRD.Works) in einen fast sakral wirkenden Raum verwandelt war.

Von Human_Machine war nichts zu spüren und nach Anhören der fünf Werke der zwischen 29 und 36 Jahre alten Künstlerinnen und Künstler (zwei Frauen, drei Männer aus Brasilien, Japan, USA und zweimal aus England) ging es auch bei der musikalischen Gestaltung nicht um das Festivalmotto, sondern eher um – Human_Tonality. Bis auf das mit verschiedenen Zeitzonen profiliert arbeitende Werk Yu Kuwabaras („Time Abyss“) hatten alle Werke mehr als nur sporadischen Kontakt mit den Tonarten.

Beim finalen Werk Alex Paxtons „I Lolli-pop“ waren es mehr oder weniger durchsäuerte tonale Aggregatszustände: tosend und überschäumend. Auch Igor Santos („Porträt IO“), Lauwrence Dunn („We are all okay“) zeigten keine Angst auf der Tonleiter. Und Michaela Catranis achtete auch auf eine bewegtbildliche Unterstützung „KI-getriggerter Visuals“ – das einzig märchenhafte Begriffs-Odeur anregender vier Stunden.

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