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Creedence Clearwater Revival, um 1970.

Woodstock-Auftritt

Creedence Clearwater Revival live in Woodstock: Endlich auf CD

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Woodstock, 17. August 1969 – ein Nachtrag: Erstmals ist der Auftritt von Creedence Clearwater Revival auf CD erschienen.

Ladies and Gentlemen, um die Sache fortzusetzen! Um nämlich Woodstock nicht einschlafen zu lassen, damals, vor 50 Jahren. Meine Damen und Herren! Wer fühlte sich nicht angesprochen, aufgeweckt zur Nacht, und wer blieb von den 400 000 weggetreten? Der Auftritt zuvor war zum Einschlafen gewesen. Nein, keine 800 000 gespitzten Ohren.

Umso mehr war vom Mann mit dem Mikro vorm Mund eine kluge Ansage gefragt: bitte ein freundlicher Applaus für Creedence Clearwater Revival. Wie aber der Ansager das ansagte, war klar, worauf er hinauswollte. Denn er betonte ja nicht nur die Worte Creedence Clearwater wie ein eingetragenes Warenzeichen.

Was lange erwartet wurde, ist jetzt erstmals auf einer CD veröffentlicht, das Woodstock-Konzert, das Creedence Clearwater Revival in den frühen Morgenstunden des 17. August 1969 gaben. Es gibt die eine oder andere Woodstock-Zusammenstellung, darauf: ein, zwei Stücke mit dem Quartett. Ein halbes Jahrhundert Wartezeit, nun der vollständige Auftritt, der damit beginnt, dass der Ansager das Wort „Revival“ besonders betont.

Revival, endlich!

Welch eine Weitsicht, damals, welch ein Feingefühl, wo doch der allererste Ton was ist? Eine Rückkoppelung, oft gehört, hier jedoch die Metapher für so etwas wie das Feedback aus einer anderen Zeit, für eine andere Epoche. Einen Ton rückkoppeln, einen Erinnerungston, der ein Sehnsuchtston sein kann, doch nicht sein muss. Bring mich einfach mal wieder runter, dorthin, wo die Wasser fließen, cool. „Green River“, spektakulärer Fluss, sagenhaftes Ufer, wo Mädchen sich im Mondlicht barfuß zeigen und der Ochsenfrosch meldet.

Creedence Clearwater Revival kamen nicht als Hippies ins Hippiefeldlager Woodstock. Hits hatten sie am laufenden Band produziert. Viele Solisten und Bands in Woodstock taten unheimlich authentisch – CCR waren es schlicht. Sie enterten die Bühne als die Handwerker des Rock’n’Roll. Unabgehoben, geradeaus, eher plebejisch. Es wurde laut. War noch, meine Damen, meine Herren, an Schlaf zu denken? CCR lieferten ab. Rock’n’Roll als exquisites Kunsthandwerk, ewig haltend, zeitlos ansprechend, Arts and Crafts eben.

In der Nacht von Woodstock folgten sie auf die legendären Grateful Dead. Warum eigentlich legendär? Vollkommen bedröhnt, waren die berühmten Dead alles andere als great, fummelten an den Verstärkern rum, weil sie die Verstärkerbuchse nicht fanden. Stimmten an ihren Instrumenten rum, ohne sie aufeinander abstimmen zu können. Solisten, denen die Anlage zusammenbrach. Machte der Kollaps die eingeschlafenen Massen wach?

Creedence Clearwater Revival: Live at Woodstock. Craft Recordings/ Universal Music.

Liebe Gemeinde, es wurde geflickt, dann wurde noch mal aneinander vorbeigespielt, wie auf einigen der Woodstock-Zusammenstellungen zu hören – wenn man denn hinhört. Ach, die Dead, wofür sollte man ihnen dankbar sein?

Gut möglich, dass es den Massen gleichgültig war – jedenfalls unter debakulösen Umständen wurden Creedence Clearwarter Revival angekündigt.

„Ladies and Gentlemen, to continue.“

Nein, bloß nicht, bloß keine Fortsetzung! Kein Gefrickel mehr auf der Gitarre, vielmehr vom ersten Ton an ein Instrument unter Strom. Und schon verschleppten Creedence Clearwater Revival die Massen mit ihren Hits „Born on the Bayou“ und „Green River“ mal ganz weit weg. Es ging um Vorgänge eine Straße am Fluss entlang, im Mondschein. Oder wie es ist, wenn man die ganze Woche über sinnlos schuften muss. Kein Hippietraum wurde besungen, vielmehr ein Blues beschworen, in dem es um einen festen Arbeitsplatz ging, was dem Hippiesein ja eher fremd war.

Zur Wahrheit (von Woodstock) gehört auch, dass dieses Quartett nicht aus Louisiana kam, auch wenn die Musik offensichtlich aus dem Delta des Südens stammte. „Proud Mary“ zog über den Mississippi, die Raddampfer-Queen über den majestätischen Fluss. Immer schon war der Fluss eine Metapher, natürlich auch das Schiff, Rollin’, hieß es, Rollin’ gab einen Reim ab. Liebe Gemeinde, es müsste klar sein, dass die Dinge im Fluss sind.

Bei CCR war der Mond keine runde Scheibe, wohl aber die Platte „Bad Moon Rising“ eine apokalyptische Botschaft. Was davon erreichte die Massen in dieser Nacht von Woodstock – auf jeden Fall bekamen sie zu hören: „I see earthquakes and lightnin’.“ Sangen sie mit, von Erdbeben, Blitzen? Dann auch davon, heute Nacht, nicht rumzugehen, wo doch am 17. August 1969 ein böser Mond umging, trotz eines, ja, so geht die Welt unter, frohgemuten Rhythmus.

Fogerty war ein feinsinniger Poet, dessen Verse nicht in jedem Fall zu verstehen waren; dann war er wieder mal auch ein Schreihals. Schade, zumal dann, wenn er, ganz lapidar, besang, was es heißt, einen flachen Stein ins Wasser zu werfen, um den Fluss zu überqueren. Oder, anderer Song, anderes Schicksal: eine Reise im Greyhound, eine zwiespältige Sache. Kein Song ohne drohenden Unterton.

Als brauchte es eine Zäsur, wurde eine weitere Rückkoppelung benutzt. Eine kurze Pause, als müsste das Quartett verschnaufen für das Geständnis: „I put a spell on you“; ich mach schon, dass ich dich verzaubere. Mochte die Gitarre noch so einlullen und schmachten, die Wahrheit, zwischen den Zähnen gesungen, sah zur Woodstockmorgenstunde so aus, dass mit dem Liebesgeständnis ein Besitzanspruch erhoben wurde.

Immerzu Verlust, legendär der immense Schaden für John Fogerty, der versäumte, sich die Rechte an seinen Songs und Smash Hits zu sichern, so dass die Millionen nicht in die eigenen Taschen wanderten, sondern auf die Konten von Agenten und Trittbrettfahrern. Möge diese CD den Guthaben der drei Überlebenden John Fogerty, Stu Cook und Doug Clifford zugutekommen (sowie den Angehörigen von Tom Fogerty). John Fogerty und die Plattenfirma gaben den Auftritt jahrzehntelang nicht frei, man befand ihn als zu schlecht – warum auch immer. Auch hier zeigen die vier, die gelegentlich auch Grobiane sein konnten, dass sie so schwerfällig Schwergewichtiges wie einen Boogie zum Schweben brachten. CCR verstanden es, wie die Holzfäller vorzugehen, im gleichen Atemzug besang Fogerty die Nöte der Bäume. Fogertys Aufschrei war einer über die ausgebeutete Natur. Songs wie Setzlinge.

Bei allem Poesie, unbedingt, aber keine Romantik. Sag, Baby, dass du nicht bloß ein Traum bist. Nein, mehr als bloß Einbildung, vielmehr eine Figur. Was nahmen die Männer von Woodstock zur Nacht von Bethel auf? An wen dachten sie ihn ihren Zelten und Schlafsäcken? Suzi Q. war eine Figur aus Fleisch und Blut. Allein wie du redest, Suzie Q., wie du dich bewegst. Bewegend auch die 10:52 Min., selbstredend heftig, musikalisch nicht wirklich aufwendig, rhythmisch auch nicht, aber suggestiv. Sagen ließ sich viel über Suzie, Fogertys ausladendes, ruppiges Solo sprach unmissverständlich: Die Besungene war kein Süße.

Hey, tonight: Roots-Rock, Swamp Rock, Country-Rock. Der Gemeinde, die bis heute überlebt hat, muss man das nicht zurufen. Creedence Cleewater Revival galten seltsamerweise als die Stimme der Daseinsfreude. Sicher, die hatte bei ihnen auch ihre Existenzberechtigung. Vor allem aber reimte sich das, was sie in ihren Songs zu sagen hatten, stets auf aufreibend. Sie waren vor allem eine Stimme der Ambivalenz. Wie heißt es noch über den Mond? Bad moon rising - oder ride oder right? Allein das ist genug Stoff für die Schriftgelehrten, guter Stoff.

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