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Jakub Józef Orlinski in der Oper Frankfurt: Auf der Suche nach dem verlorenen Ton

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Von: Bernhard Uske

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Jakub Józef Orlinski. Foto: Barbara Aumüller
Jakub Józef Orlinski. © Barbara Aumüller

Der Countertenor Jakub Józef Orlinski beim Liederabend in der Oper.

Der Liederabend in der Oper Frankfurt, den Jakub Józef Orlinski und Michal Biel bestritten, fand bei völliger Verdunkelung des Auditoriums statt. Eine Idee des 31-jährigen Countertenors aus Warschau und seines Landsmanns am Klavier, die als Konzentration auf die Musik der Lieder (und deren Vortrag) angepriesen wurde. Als wäre der Text nicht die Bedingung der Möglichkeit von Liedern, sondern lediglich eine vernachlässigenswerte Petitesse. Nicht nur in barocker Musik (von der es Purcell-, Fux- und Händelbeiträge zu hören gab) ist die Ton-Setzung abhängig vom Wort, das sie ausdeutet und durch das sie zu formidablen Prozessen geführt wird.

Man sollte also nicht durch das Wort abgelenkt werden; man durfte aber nach jedem der gut zwanzig Lieder unter wohlwollenden Verbeugungen der Künstler klatschen, was sicherlich der erklärten Konzentration auf die Sache selbst zuträglich gewesen ist.

Wenn auch der hier zur Geltung kommende Artisten-Narzissmus nur peinlich war, so bot das Programm doch in der Konfrontation von Vokalmusik des frühen und späten Barock mit polnischer Vokalmusik des 19. und 20. Jahrhunderts interessante Perspektiven. Denn die zwischen 150 und 300 Jahre von den Purcell- oder Händelwerken entfernten Beiträge Mieczlaw Karlowiczs, Stanislaw Moniuszkos und Hennryk Czyzs zur Gattung Lied wirkten in Habitus und harmonikaler Dimension fast wie Zeitgenossen der alten Komponisten aus England und Deutschland.

Polnische Moderne, das ist ein janusköpfiges Phänomen: anfänglich Avantgarde (wie bei Penderecki oder Gorecki) und dann oft das Einschwenken in den Strom der Tradition. Eine Récherche du son perdu – des verlorenen Tons, der in dur-moll-tonaler Überschaubarkeit wiedergefunden wird. So konnte man den Satz Henryk Czyzs aus dem Programmheft verstehen: „Wenn man moderne polnische Musik nicht kennt, ist das ein wenig so, wie wenn man Prousts Werke nicht gelesen...hat.“

Von klarster Kontur

Entscheidend für die Begeisterung des Liederabend-Publikums aber war, dass all diese harmonischen Rückgriffe, die einst für Bariton oder Alt komponiert waren, jetzt von der anfänglich etwas zur Höhenschärfe neigenden countertenoralen Stimme Orlinskis eine helle, unversonnene Färbung erhielten. Von einem Tonsitz aus gestaltet, der bei den barocken Nachbarn zu deutlichen Koloraturen und Intervallkaskaden führte. Phänomenal war die pianistische Stimme Michal Biels, die von klarster Kontur und schweifender, entspannter Melodik war.

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