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Ein Mann mit Mut zum Gefühl: Coldplay-Sänger Chris Martin, hier in Pasadena.

„Everyday Life“

Coldplay: Ein umweltfreundliches Opus auf die Uncoolness

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„Everyday Life“, das umweltfreundliche neue Album der britischen Band Coldplay.

Wie man liest und sich sagen lässt, hat sich die britische Band Coldplay, eine der erfolgreichsten Musikgruppen aller Zeiten, endlich selbst gefunden und mit ihrem jüngsten Album „Everyday Life“ aus einem Korsett befreit. Ein jahrzehntelanges Missverständnis beendet. Die Lösung entdeckt.

Mal zuhören. Mal nachempfinden. Ob das stimmt.

Wer die 23-jährige Bandgeschichte eher am Rande (sprich: im Radio) verfolgt hat, wem Coldplay eigentlich egal ist, der musste irgendwann fast ein bisschen geschockt zur Kenntnis nehmen: So ziemlich alle, die sich ein wenig mit Musik beschäftigen oder auskennen, finden Coldplay uncool oder gar peinlich. Jetzt sind Musikkenner natürlich in ihren Meinungsäußerungen oft sehr schroff. Manche auch recht arrogant. Und man muss es dem Bandleader Chris Martin ja auch nicht ins Gesicht sagen. Es passt in einen Nebensatz: Schon irgendwie Mainstream, dass Coldplay langweilig ist.

Coldplay hat 80 Millionen Alben verkauft

Nicht zu wissen, dass Coldplay langweilig und angeblich uncool ist, musste sich eine Zeitlang anfühlen wie von London-Kennern ausgelacht werden, weil man als 30 Jahre nicht in London gewesenes Greenhorn einen Abstecher nach Notting Hill machte. Notting Hill! Wer geht denn heutzutage noch Touri-mäßig nach Notting Hill und sucht die blaue Tür aus dem Film!

Ist sie blau? Sie ist inzwischen schwarz, die Tür, steht im Internet, jedenfalls die Nachfolgetür. Die echte ist verkauft. Da haben wir’s. Wie die Tür könnte sich auch Coldplay verändert haben. These: Dass Coldplay uncool sei, ist gemein und unbegründet.

„Everyday Life“ ist ein Doppelalbum mit einer „Sunrise“- und einer „Sunset“-Seite. Alltägliches Leben mit Sonnenauf- und -untergang also. Der Aufgang beginnt mit einem zweiminütigen Orchesterstück, so traurig, dass man sich sofort wieder hinlegen möchte, und geht dann weiter mit „Church“, einer Liebeserklärung an jemanden, den/die der Ich-Erzähler „Baby“ nennt und in dessen/deren Kirche er Trost und Erfüllung findet. Am Ende ein orientalisch anmutender Frauengesang.

Coldplay, möglicherweise nie mehr in Deutschland auf der Bühne

Chris Martin ist zweifellos darum zu beneiden, dass er so eine beruhigende Stimme hat, die ein Geborgenheitsgefühl erweckt wie sonst keine. Die Stimme von Sting vielleicht noch. Obwohl, da ist es eher weniger Geborgenheit, da spielt auch noch eine Menge Sexyness hinein, wenn man die Zielgruppe fragt, und bei ihm, Sting, ist das Alter ja relativ egal/gar nicht eingetreten. Chris Martin und Sting haben aber durchaus ähnliche Stimmen. Martin ist klar jünger, 42, und klingt dennoch viel väterlicher. 42 erst!

Ganz softe Lieder verbindet man mit ihm. Worum geht’s diesmal? Im zum Heulen traurigen „Daddy“ geht’s um den Vater, er ist weg. Das Trickfilm-Video zum Song gibt am Ende Hoffnung, das Lied selbst nicht, aber danach kommt was möglichst Schraddeliges zum Erholen: „Wonder Of The World/Power Of The People“. Sehr schraddelige Gitarre. Der Mut zum Gefühl, der Wille, das Gute zu beschwören, ist in jedem Lied zu spüren.

Coldplay: Band-Tourneen sollen umweltverträglich sein

In „Orphans“ geht es um syrische Waisenkinder, das aber wiederum seltsam fröhlich in den Melodien. „Trouble In Town“ spielt den Originalton einer offenbar rassistisch motivierten Polizeikontrolle in den USA ein. Die Band unternimmt Ausflüge in die Weltmusik, da bleibt sie sich im Vergleich zu den Vorgängeralben treu. Ein Gospel ist dabei. Sie streut einen Fifties-6/8-Walzer ein („Cry Cry Cry“), singt auch mal französisch („Arabesque“). Wirbt für Völkerverständigung: „Ich könnte du sein, du könntest ich sein. Wir teilen dasselbe Blut.“

Coldplay hat 80 Millionen Alben auf der ganzen Welt verkauft. Ich habe mir dieses Album etwa 790 Mal angehört, ein Wochenende lang, es hat gute Stücke, es hat softe, manchmal zu softe, und es hat schmissige Stücke. Es ist ein abwechslungsreiches Album, es ist überall an der Spitze der Charts. Mögen andere Bands cooler sein. Es ist ein gutes, engagiertes Album.

Die Band will erst wieder auf Tour gehen, wenn Band-Tourneen umweltverträglich sind. Möglich, dass wir Coldplay also nie mehr in Deutschland auf der Bühne sehen werden. Hören wir uns doch das Album zum Dank dafür ein 791. Mal an, dem Klima zuliebe.

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