Claudia Mahnke im Frankfurter Opernhaus. Foto: Barbara Aumüller
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Claudia Mahnke im Frankfurter Opernhaus. 

Oper Frankfurt

Claudia Mahnke Liederabend: So reich an Sehnsucht

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Die herbe Süße der Moderne mit Claudia Mahnke und Hilko Dumno im Frankfurter Opernhaus.

Ist es nun eigentlich unangenehm, in ausverkauften, aber leeren Theatern zu sitzen? Zum Beispiel mit höchstens 99 anderen im Frankfurter Opernhaus? Keineswegs. Es ist sehr intim und verbindlich, der Applaus kraftvoll genug (er kann viel schlaffer klingen, wenn eine Tausendschaft sich ordentlich gelangweilt hat) und die Aufmerksamkeit extrem hoch. Der berechtigte Eindruck, einer wirtschaftlichen Katastrophe beizuwohnen, relativiert sich etwas durch die völlige Ausnahmesituation. Natürlich kann es so nicht weitergehen, aber jetzt geht es schon und ist sehr schön.

Dass Kunst am Puls der Zeit ist, hieß auch sonst noch nie, dass sie sich diesem Puls unbedingt angeschmiegt hätte. Spielarten der Melancholie über eine Zeitspanne von etwas mehr als 50 Jahren stellte jetzt der Liederabend mit Claudia Mahnke und Hilko Dumno vor.

Ganz nah und unrealistisch

Die herbe Süße der Moderne in Werken von Alban Berg, Henri Duparc und Erich Wolfgang Korngold ließ dabei eine immense Nähe zu Lebensgefühlen (uns noch lange nicht fremd geworden) und eine nicht weniger große Entfernung zu Realitäten hören. Kaum zu glauben, dass zwischendurch der Erste Weltkrieg stattgefunden hat.

Eine bewegende Stunde, die der Ausdruckskraft von Mahnkes Stimme, ihren glänzend kontrollierten Möglichkeiten, ihrem tiefen Ernst entgegenkam. Ekstatische Ausbrüche im Gesang sind zudem das Gegenteil von Losgelassenheit, es klingt bloß so. Das Aufblühen von Mahnkes lichtem Mezzosopran bei Duparc, das Triumphieren etwa in „Phidylé“: Meisterwerke der Beherrschung.

Bergs „Sieben frühe Lieder“ waren zuvor im dezenten Schwelgen „so reich an Sehnsucht“ („Liebesode“), wie man es sich bloß erträumen kann. Wie gerade das mulmig Verschwimmende Genauigkeit verlangt, illustrierte auch Dumnos zärtliche Begleitung. Korngolds „Lieder des Abschieds“ aus dem „Tote Stadt“-Umfeld (1920/21) kamen ohne jede Süffigkeit aus, alles erschien schlank. Wenn es eine Askese der Leidenschaft gibt, so zeigte sie sich hier.

Unter den Zugaben – die Mitwirkenden nun mit Blumensträußen, die offenbar hinten kontaktlos bereitgestanden hatten, kurios, aber warum nicht – befand sich noch einmal Korngold und am Ende Schuberts „An die Musik“. Das wirkte in der Gegenwart trotz oder wegen seiner Traulichkeit wahrhaft programmatisch, profund vorgetragen. Man soll derzeit möglichst nicht öffentlich tropfen und also erst recht keine Tränen vergießen, aber die Abstandsregeln machten es möglich.

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