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Clara Haberkamp: Über die Konventionen hinwegsteigen

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Von: Stefan Michalzik

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Die Pianistin Clara Haberkamp mit ihrem Trio in Frankfurts Gethsemanekirche.

Starruhm genießt Clara Haberkamp einstweilen nicht, die in Berlin lebende Musikerin gehört aber zu den interessantesten Jazzpianistinnen der jüngeren Generation in Deutschland. Sie tritt auch als Singer/Songwriterin mit einer gewissen Nähe zu Joni Mitchell in Erscheinung, auf ihren bisherigen Trioalben hat sie jeweils ein paar Nummern gesungen. Bei ihrem von der Frankfurter Jazzinitiative ausgerichteten Konzert in der Gethsemanekirche indes hat sie sich, wie schon auf ihrem vergangenen Jahr erschienen Album „Refraiming the Moon“, auf das ein Gutteil des Repertoires zurückging, ausschließlich auf das instrumentale Spiel fokussiert.

Spiel und Kompositionsweise sind auf ausgeprägt zeitgenössischer Basis jazzhistorisch wie auch weiter zurückgehend in der Geschichte des Klaviers informiert. Immer wieder ist viel atmosphärischer Wandel auch innerhalb eines Stücks. Die Struktur des neu besetzten und in einer Position auch noch einmal von der Zusammensetzung auf dem jüngsten Album abweichenden Trios um den Bassisten Oliver Potratz und Lukas Akintaya am Schlagzeug ist eine klassisch moderne der Verschränkung, wobei die einzelnen Instrumente ein ums andere Mal solistisch so hervortreten, dass die Konvention des klassischen Solospiels transzendiert werden.

Dann der harte Anschlag

Da beginnt beispielsweise ein Stück mit einer unbegleiteten Passage der Pianistin mit Anklängen von Chopin und Schumann wie auch der späten Romantik eines Alexander Skrjabin. Nach einer Zeit stimmen Bass und Schlagzeug ein, es ist ein popaffiner Groove im Spiel, samt dynamischen Steigerungen und Zurücknahmen, ausgeprägt nicht zuletzt auch mit Blick auf die Lautstärke. In bestimmten Passagen plötzlich ist dem Anschlag von Clara Haberkamp Härte eigen, mit sehr vielen stakkatohaften Noten und einem Anflug von Cecil Taylor. Oliver Potratz zupft und streicht auf dem Bass eigenständige melodische Linien und schafft im Solo düster-romantische Atmosphären, Lukas Akintaya ist ein rhythmolodischer Klangwerker, der die Grenzen des Instruments in Gefilde eines perkussiven Schattierungsreichtums ausdehnt.

Das Material eines Bachchorals transferiert Haberkamp in eine Klangsprache, die wiederum eher der späten Romantik nahekommt. Alles bewegt sich in einem sehr persönlichen Stil. So ernsthaft und ironiefern Clara Haberkamp mit dem Ausformulierten der Überlieferung umgeht, eine Last scheint ihr die Geschichte ihres Instruments nicht zu sein. Die Haltung ist die eines gesunden Selbstbewusstseins. Aber so profund die Technik – Bravourstreben liegt Haberkamp fern.

In der Zugabe spielten Clara Haberkamp und ihr Trio in Frankfurt eine musikalisch ausgesprochen bewegte Nummer. Bei dem Titel, erklärte sie vorher, handle es sich um das russische Wort für Versöhnung – geschrieben habe sie dieses Stück schon vor beinahe zwei Jahren.

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