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„Da geht sehr viel Erfahrung und Wissen verloren“, sagt Christopher von Deylen über die Pandemie.

Christopher von Deylen

„Durch Streaming ist Musik gefühlt umsonst“

  • Arne Löffel
    vonArne Löffel
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Christopher von Deylen alias Schiller über sein Album „Colors“ und die Arbeit in Zeiten von Corona.

Herr von Deylen, auf „Colors“ zeigen Sie von sich eine ganz neue Seite und veröffentlichen ein reduziertes Album, das auf Piano und dezenter Elektronik basiert. Was hat Sie dazu bewogen?

Im Idealfall entsteht Musik immer aus einer inneren Stimme heraus. Also bin ich meiner inneren Stimme gefolgt, ohne mich an für mich Bekanntem zu orientieren. In meinem Leben hat sich einiges verändert, ich habe mir ein neues Basislager im Norden Deutschlands gesucht, bin raus aus der lauten Stadt. Und so ist vielleicht auch dieses etwas leisere Album entstanden. Nach dem Entstehungsprozess fragt man sich ja schon, woher das jetzt kommt, und dabei habe ich erkannt, dass ich lieber in der Natur als in der Stadt bin, insbesondere im Wald. Und diese einzigartige Atmosphäre des Waldes ist in die Musik eingeflossen.

Warum haben Sie der Stadt den Rücken gekehrt?

Wie so viele Menschen bin ich lange der Illusion erlegen, dass ich aus der Großstadt mehr Energie ziehen könnte, dass ich das Laute und Grelle bräuchte. Diese Energie der Stadt, dachte ich, würde sich auch positiv auf meine innere Stimme auswirken. Dabei konnte ich sie zunehmend immer weniger hören.

Und diese neue innere Stimme ist nicht mehr Schiller, oder warum veröffentlichen Sie das Album nicht unter Ihrem Projektnamen?

Die Melange aus Piano und Elektronik ist schon sehr speziell. Ich habe also schnell gemerkt, dass das eine eigene Überschrift braucht. Ich habe auch länger über einen neuen Projektnamen nachgedacht, aber am Ende denke ich, dass mein Klarname das Passendste dafür ist.

Ist das jetzt das Ende von Schiller?

Auf keinen Fall. Es geht bei „Colors“ auch nicht um eine Distanzierung von Schiller. Aber bei Schiller geht es auch immer um eine Form der Weiterführung. Christopher von Deylen ist hingegen ein eigenes Projekt, ein neuer Handlungsbogen. Mir gefällt die Idee eines Neuanfangs als Christopher von Deylen. Das ist ein gutes Training fürs Gemüt und fürs Gehirn, das wirkt sich natürlich auch positiv auf Schiller aus.

Ihr Projekt „Schiller“ ist bekannt dafür, dass Sie eine sehr treue und auch kaufkräftige Fangemeinde haben. Sie veröffentlichen viele extrem hochwertige Tonträger. Ist das auch das Zielpublikum von „Colors“?

Ich denke schon. Die Kommerzialität von Musik ist in den vergangenen Jahren ein sehr komplexes Thema geworden. Zunächst ist zu sagen, dass ich nicht auf einen antizipierten Publikumsgeschmack hinarbeite. Das klappt sowieso nie und ich bin rückblickend sehr froh, dass die ersten zehn Jahre meines Musiker-Daseins ein kommerzielles Desaster waren. Ich habe viele Sachen gemacht, die niemand hören wollte (lacht). Da habe ich erkannt, dass man zwar das Handwerk lernen kann, dass es aber keine Rezeptur für musikalischen Erfolg gibt. Zum Glück, denn dann wäre das Leben ja langweilig. Umso dankbarer bin ich deshalb für mein treues und neugieriges Publikum. Ich beobachte allerdings eine Entwertung von Musik durch Streamingdienste. Daher biete ich meinem Publikum liebevoll aufbereitete Boxen, die viel Repertoire und visuelles Material beinhalten.

Das bedeutet, dass es Sie nicht bei Spotify und Co. gibt?

Zumindest nicht alle Alben. Das ist aber kein wirtschaftliches Kalkül. Ein Künstler verkauft nicht mehr CDs, nur weil er nicht via Streaming zu hören ist.

Warum sehen Sie die Musik durch Streamingdienste entwertet?

Ein Album ist ja immer mehr als die Summe seiner Teile. Wenn ein Künstler ein Album komponiert, dann hat dieses einen beabsichtigten musikalischen Handlungs– und Spannungsbogen. In einem Kinofilm würde man ja auch nicht auf die Idee kommen, selektiv nur einzelne Szenen anzuschauen. Ich halte Streamingdienste auch nicht für basisdemokratischer als Radiostationen, wie ja immer behauptet wird. Beim Streaming gibt es anstatt der Musikredaktion oftmals einen Algorithmus, der einen Großteil der Platzierungen bestimmt. Und der funktioniert auf musikalischer Ebene ähnlich wie die Algorithmen von Video-Plattformen. Was der Algorithmus für „trending“ hält, kann als das musikalische Äquivalent von Katzenvideos und russischen Dashcam–Clips bezeichnet werden. Das ist im Prinzip Klickbait. Und so klingt es leider oft auch.

Zur Person

Christopher von Deylen , geboren 1970, Hamburger Komponist und Produzent, ist den meisten Menschen wohl eher unter seinem Pseudonym Schiller bekannt. Sein nach Friedrich Schiller benanntes Pop- und Ambientprojekt debütierte 1998 mit dem Hit „Glockenspiel“, seitdem folgten zahlreiche Alben voller Charterfolge und Ohrwürmer. „Colors“ heißt sein gerade erschienenes Album, veröffentlicht nicht unter Schiller, sondern unter seinem bürgerlichen Namen. In den offiziellen deutschen Album-Charts belegt er damit direkt den Spitzenplatz.

Nein. Durch Musikstreaming wird Musik zur Commodity – sie ist einfach da. Immer, überall, und gefühlt umsonst. Wie beim All–You–Can–Eat–Buffet. Und da spricht aus mir jetzt sicherlich nicht das gekränkte Künstler-Ego, und ein Kulturpessimist bin ich normalerweise auch nicht. Aber ich frage mich schon, ob die Stücke, die heute komponiert werden, es noch in die Zeitlosigkeit schaffen und auch morgen noch zumindest eine halbe Bedeutung haben. Und wenn ich dann lese, dass der ungezogene Spotify-Chef Daniel Ek in einem Interview sagt, es reiche für einen Künstler nicht mehr, nur alle drei bis vier Jahre Musik aufzunehmen, dann fällt es mir schwer, bei einem wohltemperierten Jargon zu bleiben. Ich kenne niemanden, der morgens aufsteht und sagt: „Hoppla, die Miete ist fällig. Da sollte ich mal schnell einen neuen Track droppen.“

Für viele Künstlerinnen und Künstler ist das Live-Spielen eine weitere Einnahmequelle, die wegen der Corona-Pandemie gerade mehr oder minder auf Eis liegt. Wie ist das bei Ihnen?

Mittlerweile klingt diese Frage schon fast nach Katastrophentourismus. Aber es ist natürlich nicht schön für meine Crew, meine Gastmusiker und für mich auch nicht. Die eigentlich zum Album geplante Tour und einige Festivals mussten wir aufs kommende Jahr verschieben. Es ist eben eine neue Situation, der ich aber mittlerweile mit konstruktiver Kreativität begegne. Die Pandemie macht zwar einiges schwerer, sie ermöglicht aber auch die Beschäftigung mit Fragen, auf die ich bis dato die Antworten gar nicht wissen wollte. Irgendwann wird man auf diese Zeit zurückblicken und vielleicht auch ein paar positive Aspekte erkennen können. Das hoffe ich zumindest. So trivial es auch klingen mag, ich versuche Krisen generell als Chance zu begreifen. Im Kleinen wie im Großen.

Haben Sie von sich selbst zufriedenstellende Antworten erhalten?

Ja, im Großen und Ganzen schon.

Glauben Sie, dass die Pandemie in der Club- und Konzertlandschaft schwere Schäden hinterlassen wird?

Das steht außer Frage. Kultur und Mainstream werden höchst unterschiedlich wahrgenommen und bewertet. Das zeigt sich aktuell erstaunlich ungeschminkt.

Wie meinen Sie das?

Ich halte die Bewertung von Kunst und Kultur durch das, was man Politik nennt, für unausgewogen. Da werden schon große Unterschiede gemacht. Die sogenannte Hochkultur wird konsequent am Leben erhalten, koste es, was es wolle. Das galt wohlgemerkt schon vor der Pandemie. Dagegen scheint das, was man Entertainment oder Unterhaltung und damit Mainstream nennt, überwiegend auf sich alleine gestellt zu sein. Was zu „Friedenszeiten“ auch vollkommen in Ordnung ist. Angebot und Nachfrage sind ja durchaus bewährte Parameter. Ich habe aber mittlerweile einen Gutteil meiner Crew verloren, da sich jetzt viele großartige Techniker verständlicherweise nach anderen Jobs umgesehen haben. Da geht sehr viel Erfahrung und Wissen verloren, was vielleicht nie wieder zurückkommt. Da gerät man dann schon an die Grenzen des Credos „Krise als Chance“.

Werden Sie als erfolgreicher Künstler Ihren Beitrag zur Wiederbelebung der Konzertbranche leisten? Etwa, indem Sie für weniger oder kein Geld spielen?

Gegenfrage: Würden Sie Ihre Texte umsonst schreiben, wenn niemand mehr Geld für Zeitungen ausgäbe? Ein Künstler, der nur wegen des Geldes auf die Bühne geht, sollte sich überlegen, ob er da wirklich richtig aufgehoben ist. Aber wie Ihre Texte, so hat auch Kunst einen Wert. Wenn es wieder losgeht, wird sicherlich jeder seinen Teil zu einem gelungenen Neustart beitragen. Was jedoch die gesellschaftliche Makro–Ebene angeht, bin mir nicht sicher, ob in der Breite zukunftsorientierte Schlüsse gezogen werden. Vor der Pandemie befand man sich in der Klimawandel-Debatte, in der gefordert wurde, auf Flugreisen und SUVs zu verzichten. Da war es noch einfach, Verzicht einzufordern, solange es nur den Nachbarn betraf. Aber jetzt geht es ja darum, zum Beispiel mit dem Maskentragen sich und den Nachbarn zu schützen. Eigentlich das, was man einen „No–Brainer“ nennt. Wenn aber selbst das für viele ein Problem ist, dann wird es schwierig. Und zwar für alle.

Befürchten Sie weitere Konfrontationen mit Ihrem Ich, wenn der nächste Lockdown kommt?

Nein, überhaupt nicht. Ich würde es auch gar nicht „Konfrontation“ nennen. Ich kann auf eine angenehme Art mit mir allein sein. Ich stehe früh auf, manchmal schon um 5 Uhr, beschäftige mich mit Musik und neuen Projekten. Nicht reisen zu können ist zwar unkommod, bringt aber auch Zeit, die vorher nicht da war. Es fühlt sich ein bisschen an wie beim Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel, wo man nach dem „Rausschmeißen“ unfreiwillig wieder von vorne anfängt. Neues Spiel, neues Glück. Im Moment entwickle ich eine Laser-Art-Installation samt Soundtrack. Ich weiß zwar noch nicht, was ich wann damit anfangen möchte, aber die „aktuelle Situation“ ist da anscheinend ein Katalysator.

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