Salzburger Festspiele

Das klagende Horn

  • Judith von Sternburg
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Ein triftiger Abend mit Werken von Salvatore Sciarrino bei den Salzburger Festspielen.

Das faszinierende, aber auch irritierende Inseldasein der Salzburger Festspiele in einem Jahr mit überwiegend stornierter Musik hält gleichwohl einen Anschluss an das Leben hier draußen. In der Reihe „Fragmente – Stille“, bei der in der Kollegienkirche an acht Abenden vier Konzertprogramme mit neuer und neuerer Musik geboten wurden, gab es zuletzt die Uraufführung eines Hornsolos von Salvatore Sciarrino. Hier zeigte sich die Not des alleingelassenen Instruments und seines Spielers in der ihnen beiden angemessenen Weise: virtuos, individuell, komplex, und sie erreichten auch sofort das, was Musik immer erreichen will. Man will es wiederhören.

„Agitato cantabile“, im Mai fertiggestellt, trägt das Zerrissene bereits im Titel, der – Sciarrino weist selbst darauf hin – die Unruhe und das (gemeinhin ruhig fließende) Sangbare zusammensteckt. Der 73-jährige Komponist verlangt dem Hornisten Christoph Walder alles ab, ein enormer Druck scheint sich hier zu entladen, aber nicht, indem uns der Marsch geblasen wird, sondern indem die Töne sich japsend und jaulend in Glissandi, rasanten Tonfolgen und strapaziösen Registerwechseln ihren Weg suchen. Frappierend vor allem die Echo-Effekte mit sich selbst, die immer wieder daran zweifeln lassen, dass Walder tatsächlich alleine im Rücken des Publikums spielt: eine Gewitztheit im Leid, ein Duett mit sich selbst in der Einsamkeit.

Der Jammer und die Klage sind in der Musik seit jeher ausführlich dargebrachte und Meisterschaft verlangende Äußerungen, die für das Publikum nicht zuletzt einen Unterhaltungswert haben, so auch hier. Sciarrino erdet sie im Programmheft mit scharfer Kritik an der Situation in seiner Heimat Italien. Dort, schreibt er, „hatten die Ausgangsbeschränkungen nur einen Zweck: eine Überlastung der veralteten und vernachlässigten Gesundheitseinrichtungen zu vermeiden“. Zum Glück sei seine „Kreativität in der Zeit dieses harten polizeilichen Durchgreifens als Reaktion auf meine Entrüstung extrem aufgeblüht; bei der Arbeit konnte ich meine verlorene Würde wiederfinden“. So schreibt Sciarrino, so klagt das Horn kunstvoll.

Nun rackert der Sänger

Walders Kolleginnen und Kollegen vom Klangforum Wien setzten unter der Leitung von Sylvain Cambreling den reinen Sciarrino-Abend fort. „Introduzione all’oscuro für zwölf Instrumente“ (1981) schloss spannungsvoll direkt an die gespenstischen Elemente der Uraufführung an. Das Sangbare, wie Sciarrino es versteht, ging schließlich in „Quaderno di strada“, „Notizheft der Straße“ (2003), von den Instrumenten zum Bariton Otto Katzameier über. Zwölf Zitate aus Alltags- und Hochkultur und als Volte zum Schluss ein Sprichwort hat Sciarrino jeweils höchst speziell vertont. Wie der Hornist muss nun der Sänger fragmentieren und zusammenfügen, sich abrackern, beim Registerwechsel zeigen, was er kann, und wenn das Horn eben sang, so wird die Stimme nun zum Instrument. Ironie und Melancholie, unmoderne Nachdenklichkeit und schnelle Pointen sind im fabelhaften Spiel (nachzuhören auch auf der 2006 in dieser Formation erstellten CD).

Das Sprichwort: „Zwei Dinge kann man auf der Welt nicht erlangen: schön sein und singen können.“ Deprimierend für die einen, Rüstzeug in harten Zeiten für die anderen.

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