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Christoph Eschenbach in Wiesbaden: Das große Geschehenlassen

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Von: Judith von Sternburg

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Schleswig-Holstein Festival Orchestra mit Dirigent Christoph Eschenbach im Wiesbadener Kurhaus. Foto: Ansgar Klostermann
Schleswig-Holstein Festival Orchestra mit Dirigent Christoph Eschenbach im Wiesbadener Kurhaus. Foto: Ansgar Klostermann © Ansgar Klostermann

Christoph Eschenbach mit dem Schleswig-Holstein Festival Orchestra in Wiesbaden

Erst einmal Gelächter, weil das Konzert verspätet anfängt und sich herausstellt, dass das Orchester mit der Deutschen Bahn angereist ist. Der Zug war aber pünktlich, zu spät kam der Laster mit den Instrumenten, der vier Stunden im Stau stand. Beim Rheingau Musik Festival im Wiesbadener Kurhaus trat das ewig junge Schleswig-Holstein Festival Orchestra auf, das jedes Jahr in einem internationalen Auswahlverfahren zusammengestellt wird und während der Festspielsaison im Norden probt. Eine ausgezeichnete Gelegenheit für junge Musikerinnen und Musiker, mit großen Namen intensiv zu arbeiten, angeleitet schon seit 2004 von Christoph Eschenbach als Chefdirigent.

Im Friedrich-von-Thiersch-Saal war der englisch-japanische Gitarrist Sean Shibe der Solist, soeben mit dem Leonard Bernstein Award geehrt. Joaquín Rodrigos „Concierto de Aranjuez“ ist das klassischste aller Gitarrenkonzerte, das „Adagio“ ein melancholischer Gassenhauer – hundertmal weiterverwendet, dabei auch trivialisiert und verschlagert –, die Gitarre als solche ein zartes Instrument. In einem dermaßen großen Saal war es ein Ringen zwischen Virtuosität und Leidenschaft einerseits, andererseits der Gefahr, doch irgendwie blutleer zu wirken. Shibe (der übrigens auch an der E-Gitarre ein Meister sein soll) muss es allerdings gewohnt sein sich durchzusetzen, seine ganze Haltung eindrucksvoll und so präsent, dass eben jeder die Ohren spitzen musste. Das große und auch für diese Nummer nur leicht verkleinerte Orchester zudem nicht nur rücksichtsvoll, sondern hypersensibel. Der feine Klang bekam so viel Raum wie möglich.

Gemeinsam schwelgen

Gerahmt wurde der Spanier von dem Böhmen Antonín Dvorák in rasanter Fasson, zuerst die Konzertouvertüre „Karneval“, nach der Pause die Sinfonie Nr. 8: beides Werke, deren üppiger, tanzlustiger Ton dem immensen Schwung des jungen Orchesters entsprach und die den Mitgliedern zudem zahlreiche Möglichkeiten gaben, in solistischen Momenten ihre Nervenstärke zu zeigen. Im „Allegretto grazioso“ übten sie das gemeinsame Schwelgen ohne Erdenschwere, das schien kaum noch steigerungsfähig.

Zu sehen war auch wieder die ganze Souveränität des Dirigenten Eschenbach, der den Eindruck vermittelte, der Musik in erster Linie Platz zu schaffen und überhaupt nur einzugreifen, wenn es unbedingt erforderlich war. Das Dirigieren als Repräsentation kann nicht weiter zurückgedrängt werden, alles war ein in großen Bögen gedachtes Geschehenlassen.

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