Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Kraftwerk war, was den kommerziellen Erfolg betrifft, die spektakuläre Ausnahme im Krautrock.
+
Kraftwerk war, was den kommerziellen Erfolg betrifft, die spektakuläre Ausnahme im Krautrock.

„Future Sounds“ im Krautrock

Christoph Dallach „Future Sounds“: Nichts fürs Radio

  • VonStefan Michalzik
    schließen

Der Journalist Christoph Dallach auf den Spuren der „Future Sounds“ im Krautrock.

An Can, sagt am Ende dieses Buches der inzwischen verstorbene Schlagzeuger Jaki Liebezeit, habe er in jüngerer Vergangenheit mehr verdient als zur Zeit des Bestehens der Band. Manche Dinge bekomme er erst über die Gema-Abrechnung mit. Beispielsweise, dass „so ein Amerikaner namens Kanye West – keine Ahnung, wie man das ausspricht“, Teile einer Nummer der Band verwendet hat – „was sich dann unheimlich gut verkaufte“. Auf den kommerziellen Erfolg waren die meisten der Musiker (und wenigen Musikerinnen) im Krautrock nicht auch nur entfernt bedacht, und mit wenigen spektakulären Ausnahmen wie Kraftwerk und Tangerine Dream war es damit seinerzeit auch nicht weit her. Die wüst ausufernden, großteils instrumentalen Stücke taugten nun einmal wenig fürs Radio.

Der Journalist Christoph Dallach hat für sein Buch „Future Sounds“ – Untertitel: ,,Wie ein paar Krautrocker die Popwelt revolutionierten“ – eine große Zahl von Musikerinnen und Musikern aus der damaligen Zeit sowie Produzenten und Mitarbeiter von Plattenfirmen befragt, die Interviews in kurze Abschnitte zerlegt und in stringenter Weise in überwiegend thematisch motivierte, teils auch band- oder personenbezogene Kapitel gefasst. Dieses nicht neue Verfahren ist äußerst fruchtbar. Da wird nicht allein dem Phänomen Krautrock nachgespürt, es bietet sich zugleich eine eindrückliche soziologische Studie dar, etwa mit Blick auf kollektive und hierarchische Bandstrukturen. Das lässt sich lesen wie ein guter Roman.

Etwas Eigenständiges zu entwickeln: das war das Ansinnen. Mit dem Bluesschema, das betonen mehrere Gesprächspartner, habe ihre Musik nichts zu tun gehabt. Anders als die vielen hiesigen Kopien englischer und US-amerikanischer Vorbilder haben deutsche Bands wie Can, Kraftwerk, Faust, Harmonia, NEU! oder Amon Düül in den späten sechziger bis etwa Mitte der siebziger Jahre das Ziel verfolgt, eben nicht so zu klingen wie die Beatles, die Rolling Stones oder die Kinks.

Das Buch:

Christoph Dallach: Future Sounds. Wie ein paar Krautrocker die Popwelt revolutionierten. Suhrkamp 2021. 512 S., 18 Euro.

Für einen musikalischen Stil steht der Begriff Krautrock nicht, eher schon für eine bestimmte Haltung. Das Spektrum reicht von folkbasierten Ansätzen und der Beschäftigung mit außereuropäischen Musikkulturen über improvisatorische Rockmusik und Progressive Music bis zur elektronischen Musik. Geprägt worden ist der Begriff wahrscheinlich in Großbritannien, er taugte als Schlagwort für diese eigentümlichen Klänge aus Deutschland in den Regalen der Plattenläden.

Die deutsche Spielart des Free Jazz hatte einen Einfluss, das Moment des Psychedelischen auf Alben wie „The Piper At the Gates Of Dawn“ von Pink Floyd und „Revolver“ von den Beatles war ein Quell der Inspiration. Eine wichtige Rolle spielten die frühen Elektronikstudio-Experimente der Avantgarde um Karlheinz Stockhausen, Pierre Boulez und Pierre Schaeffer sowie die US-amerikanische Avantgarde um John Cage und die Minimalisten Steve Reich und Terry Riley. Holger Czukay und Irmin Schmidt von Can hatten bei Stockhausen studiert.

Protagonisten wie Hans-Joachim Roedelius von Cluster und Harmonia haben die Bombennächte des Zweiten Weltkriegs als Kinder noch miterlebt. Nationalsozialismus und Krieg lagen 1968 erst gut zwanzig Jahre zurück, viele Funktionsträger an Schlüsselpositionen wie auch ein nicht geringer Teil der Lehrer hatten eine Nazivergangenheit. „Was wir mit Can machten“, sagte Jaki Liebezeit, „hatte viel mit der Beseitigung dieser Vergangenheit zu tun“.

Der aus heutiger Sicht interessanteste Teil, die Klänge der Zukunft, die später die entscheidende Grundlage für mindestens zwei Musikgenres bilden sollten, Ambient und Techno, entsprangen den Experimenten mit dem damals neuen elektronischen Instrumentarium. Natürlich treffen die Befragten immer wieder widersprüchliche Aussagen, das gehört zum Wesen und zur Qualität des Verfahrens. Unstrittig, dass der Genuss verbreitet gewesen ist, jedenfalls was Haschisch und Marihuana anbetrifft; auch LSD-Trips waren nicht unüblich, Heroin hingegen war, von ein paar Abgedrifteten abgesehen, eher Tabu. Die Meinungen zum Einfluss der Drogen auf die Musik indes gehen weit auseinander.

„Future Sounds“ ist ein neues Standardwerk zum Thema. In der Zeit selber fand ein Großteil der Bands in Großbritannien und anderen Ländern eine beträchtlich größere Beachtung als in Deutschland. Nachwirkung, Anknüpfung hat es über die Jahrzehnte anhaltend immer wieder gegeben. Ende der siebziger Jahre bereits seitens David Bowie und seinem Produzenten Brian Eno in Bowies Berliner Albentrilogie, später bei Sonic Youth, Stereolab, den Goldenen Zitronen, zuletzt auch seitens der Münchner Band Aloa Input. Und die Sounds werden, besonders auch – siehe oben – im Rap, immens häufig gesampelt.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare