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Christiane Rösinger „Was jetzt kommt“: Wer lebt prima, wer prekär

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Christiane Rösinger während der Fotoprobe für Planet Egalia – Ein feministisches Singspiel im Hebbel am Ufer HAU1 in Berlin.
Christiane Rösinger während der Fotoprobe für Planet Egalia – Ein feministisches Singspiel im Hebbel am Ufer HAU1 in Berlin. © Martin Müller/Imago

Christiane Rösingers ironisch-melancholischer Blick auf das Leben, jetzt in einem Textbuch versammelt.

Ich hab gar keine Angst /Nur manchmal frag ich mich: /Ist das noch Bohème oder schon die Unterschicht?“ Die sich das fragt, ist Christiane Rösinger. Buchhändlerlehre im Schwarzwald, Magister in Literaturwissenschaft, Dozentin für Deutsch als Fremdsprache, derzeit ein bis zweimal die Woche. Mit so einer soliden Ausbildungsbiografie bist du eigentlich weder Bohème noch Unterschicht. Aber Christiane Rösinger hat sich in den Achtzigern mit Mitte zwanzig gegen eine akademische Laufbahn entschieden, gegen die ruhige Kugel im Buchladen, für die Bohème. Für ein „Leben in der Bar“, so einer der unterbliebenen Hits der Lassie Singers, ihrer Band mit der früh verstorbenen Almut Klotz. „Schlafen kann ich, wenn ich tot bin“, zitieren die Lassies Rainer Werner Fassbinder, wobei: „Manche vermuten den Ursprung in einem jüdischen Sprichwort.“

So steht’s im Glossar zu ihrem neuen Buch: „Was jetzt kommt – Christiane Rösinger Ausgewählte Songtexte.“ „Bis auf ein paar Jugendsünden“ seien das alle Texte aus rund 30 Jahren mit den Lassie Singers, mit ihrer Band Britta und zwei Soloalben. Der Schritt von den Lassies zu Britta markiert eine Zäsur. Zwei gleichberechtigte Freundinnen singen im Girl- Group-Modus (fast) unbeschwerte Lieder über das (Nacht-)Leben unterwegs, begleitet von wechselnden Musikermännern.

Lieder wie „Hamburg“, eine Liebeserklärung an die Stadt und eine Szene, die später als Hamburger Schule konfektioniert werden sollte. Ein Roadsong auf Deutsch? Ein Unding eigentlich und dann noch von zwei Frauen und nicht von Gunter Gabriel? Oder Maffay? „Kamener Kreuz, links vorbei, im Radio läuft hr3“, singen Almut und Christiane, ihre Unrock-Stimmen ein Match made in heaven, und wir Hessen fragen uns, ob man am Kamener Kreuz hr3 hören kann, damals, vor diesem Internet. Nur wegen des Reims hätten sie sich für hr3 entschieden, erzählt Rösinger im Hessischen Rundfunk.

Und was war mit den Skianzügen am Hans-Albers-Platz, von denen sie da singen? „Als wir zum ersten Mal in Hamburg waren ist uns aufgefallen, dass die Sexarbeiterinnen so Skianzüge anhaben im Winter, während sie in Berlin in den Straßen immer so wahnsinnig kurze Sachen tragen, also praktisch nur Unterhosen und Stiefel.“

Der Hamburg-Song enthält auch eine Zeile, die es umgehend auf T-Shirts schaffte: „Nur weil wir keine Ausbildung haben, machen wir den ganzen Scheiß.“ Aus dem Munde Rösingers – siehe oben – eine Lüge, aber lieber gut gelogen als dröge die Wahrheit gesagt, das wusste schon Dylan, dem sie hassliebend verbunden ist. Die sperrige Zeile mit dem ganzen Scheiß singen Almut & Christiane mit einem Enthusiasmus, der ansteckt. „Das war nicht nur für mich der Grund, überhaupt Musik zu machen, nicht so normal arbeiten gehen müssen wie die anderen“, sagt Rösinger.

1998, das Jahrtausend nähert sich dem Ende, Almut & Christiane nähern sich den vierzig, was bei Frauen mehr auffällt als bei Männern, nicht nur im Pop, die Lassies sind am Ende. An die Stelle der scheißlebenslustigen Freundinnencombo tritt Britta, jetzt eindeutig Rösingers Band, begleitet von (mehrheitlich) Frauen. Eindeutig weniger lebenslustig, weil stärker konfrontiert mit dem Ernst des Lebens, mit dem Erwachsene jeden Alters, die einem das schöne Leben missgönnen, schon immer gedroht haben. Exemplarisch kommt der Paradigmenwechsel in „Wer wird Millionär“ zum Ausdruck. Die Gutelaune-Singalong-Mood der Lassies weicht einem nölig griesgrämelnden Antirockschrammeln, das besser passt zur Günter-Jauch-Frage: „Wer geht putzen und wer wird Millionär? Vierzig-Euro-Frage, denn die Antwort fällt nicht schwer. Wer lebt prima und wer eher prekär?“

„Besser wohnen, auch mal reisen / Champagner, Tanz und Kokain /Das wär ein schönes Leben /Das kriegen nur die anderen hin.“

Das Buch:

Christiane Rösinger: Was jetzt kommt. Ausgewählte Songtexte. Ventil Verlag, Berlin 2022. 192 S., 17 Euro.

Gut zwanzig Jahre nach diesem Song ist der Traum vom „besser wohnen“ passé, heute gilt: Hauptsache wohnen. Christiane Rösinger lebt seit 1986 in der selben Kreuzberger Wohnung, anfangs noch mit Mauerblick. „Es war ein normales Mietshaus, das aber vor neun Jahren umgewandelt wurde. Jede Wohnung wurde einzeln verkauft. Nächstes Jahr kann mich mein Vermieter wegen Eigenbedarf kündigen, wenn er seine Nichte oder das Au-Pair-Mädchen einziehen lassen will.“ Interessenten können die Wohnung auf Youtube besichtigen, im Videoclip zu Rösingers Solo-Song „Eigentumswohnung“.

„Von den Eltern zur Belohnung /Und zur eigenen Nervenschonung /Und zur ständigen Naherholung /Kriegen wir jetzt eine Eigentumswohnung.“

Rösinger stammt aus bäuerlich-kleinbürgerlichen Verhältnissen in der badischen Provinz und kann nicht damit rechnen, von den Eltern mit einer Eigentumswohnung belohnt zu werden. Im Gegensatz zu anderen Leuten aus ihrer Blase. „Wenn man jünger ist, sieht man die Klassenunterschiede nicht. Da haben halt alle wenig Geld und spartanische Wohnungen. Da fällt zwar auf, dass manche gar keine Jobs machen und trotzdem Geld haben, aber man denkt nicht so drüber nach. Dann mit den Jahren fragt man sich doch, von was leben denn die anderen. Und warum ist es für mich so schwer?“

War das in ihrer Szene ein Tabu? „Ja, über Geld redet man nicht. Britta, unsere Schlagzeugerin, die ist wirklich putzen gegangen, alleinerziehend.“ Gemeint ist Britta Neander, früher Ton, Steine, Scherben, die 2005 nach einer Herzoperation starb, mit 48. Der Song „Eigentumswohnung“ stammt von Rösingers bislang letztem Album „Lieder ohne Leiden“ von 2017. Da findet sich auch „Joy Of Ageing“, ein rösingerisch gebrochenes Loblied aufs Altern (im Pop), bei dem sie The Smiths paraphrasiert, mit dem Unterschied, dass Morrissey 16 war, unbeholfen und scheu.

„50 clumsy and shy und bin immer noch doch dabei /50 clumsy and shy – many years before we die.“

Bald wird Christiane Rösinger 62 und bleibt mit ihrem ironisch-melancholischen Blick und der unverkennbaren Stimme eine einzigartige Chronistin des schönen, aber auch schwierigen Lebens zwischen Bohème und Unterschicht. „Gestern noch ein junger Falter /Gehst du gramgebeugt durchs Alter /Das Ende naht later or sooner /Für uns alte Babyboomer /Die Typen sagen: Wir stehen super da! /Die Frauen sagen: Wir sind unsichtbar.“

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