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Christian Gerhaher: Ach, wie wird das Herz bedrückt

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Von: Tim Gorbauch

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Christian Gerhaher mit Begleiter Gerold Huber.
Christian Gerhaher mit Begleiter Gerold Huber. © Ansgar Klostermann/RMF

Christian Gerhaher singt Schubert beim Rheingau Musik Festival auf Schloss Johannisberg.

Seit mehr als 30 Jahren arbeiten sie nun schon zusammen, Christian Gerhaher und Gerald Huber oder besser: Giggi und Gordi, wie man sie in ihrer niederbayerischen Heimat nennt, wo sie sich als Jugendliche kennenlernten. Entdeckt wurde Gerhaher von Gerold Hubers Vater, der ihn nur einen „Weltsänger“ nennt, was keine Übertreibung ist, denn seit Dietrich Fischer-Dieskau gibt es keinen, bei dem das Kunstlied des 19. Jahrhunderts, das Musik gewordene Gedicht, besser aufgehoben wäre.

Der klingende Mond

Der eigens für diesen Pandemie-Sommer errichtete (akustisch hervorragende) Konzertkubus auf Schloss Johannisberg ist ausverkauft, Gerhaher und Huber sind hier beim Rheingau Musik Festival Stammgäste. Mit dabei haben sie ein reines Schubert-Programm, das ganz grob in drei Blöcke gegliedert ist: Wie Schubert die urromantischen Motive, den Wanderer, den Mond, die Herbstnacht, zum Klingen bringt. Dann das Ringen mit den Gedichten Goethes, deren Sprengkraft er metrisch kaum zu fassen bekommt. Und zum Abschluss die unglaubliche, wehmütige, von Melancholie durchtränkte Schönheit seiner Mayrhofer-Vertonungen: „Ach, wie wird das Herz bedrückt“, heißt es geradezu paradigmatisch im „Abschied, D 475“.

Dem Dichter Johann Mayrhofer, einem engen Freund Schuberts und Gleichgesinnten, gefielen seine eigenen Gedichte der Überlieferung nach erst dann, wenn Schubert sie vertont hatte. Und tatsächlich ist es immer wieder erstaunlich, wie Schubert ein Gefühl, eine Lichtstimmung, aber auch Stille und Stillstand komponieren konnte. In Christian Gerhaher hat diese Kunst ihren perfekten Interpreten, gerade weil er die Distanz wahrt, weil er den feinen Unterschied zwischen Emotion und Sentiment ganz genau kennt. Nichts hier ist zu viel. Nichts zu wenig.

„Es geht mir nicht darum, Melancholie oder Traurigkeit auszuleben“, sagte Gerhaher einmal, „sondern sie zu betrachten.“ Gerhahers Schubert ist bis in die Tiefe durchdrungen, kontrolliert in jedem Takt – und doch, und das ist das Geheimnis seines Gesangs, zugleich völlig unmittelbar.

Er hat schier unendliche Ausdrucksmöglichkeiten zur Verfügung, er setzt Nuancen, wo andere den Hammer schwingen – diesen lichten Wechsel von Moll auf Dur etwa, den Schubert immer wieder nutzt. Er kann aber auch den unbändigen Furor von Goethes „Prometheus“, die blühende Phrasierung von „Ganymed“, die Todessehnsucht von Mayrhofers „Nachtstück“, die Wehmut seines „Abendsterns“.

Man kann es auch so sagen: es gibt nichts, was Christian Gerhaher nicht kann. Jedes Lied eine Welt. Dabei wird er vom Klavier Gerold Hubers getragen, als atmeten beide gleich. Wie schön, dass man das live wieder erleben darf.

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