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Chineke Orchestra, afghanische Musik: Sich neu erfinden

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Von: Stefan Michalzik

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Die Pianistin Jeneba Kanneh-Mason. Alte Oper/Tibor Florestan Pluto
Die Pianistin Jeneba Kanneh-Mason. Alte Oper/Tibor Florestan Pluto © Alte Oper/Tibor Florestan Pluto

Das Chineke Orchestra und afghanische Musik bei „Mitten am Rand“.

Das Londoner Chineke! Orchestra, 2015 gegründet von der Kontrabassistin Chi-chi Nwanoku, ist ein „Gamechanger“ – so heißt zutreffend die Kategorie, in der es vor ein paar Jahren von der Royal Philharmonic Society ausgezeichnet wurde. Über das klassisch-romantische Repertoire hinaus legt das erste professionelle Orchester Europas, das explizit multiethnisch besetzt ist, ein besonderes Augenmerk auf Werke von People of Colour.

Das Programm zum Konzert unter der Leitung des srilankisch-deutschen Dirigenten Leslie Suganandarajah beim Festival „Mitten am Rand“ in der Frankfurter Alten Oper ist gespickt mit Bezüglichkeiten. Durchweg herrscht eine Klangsprache der Romantik vor. Kulturelle Aneignung war bekanntlich nie eine Einbahnstraße.

Die sich durch zarten Schmelz wie auch schmissigen Furor auszeichnende Ballade in a-Moll für Orchester von Samuel Coleridge-Taylor, 1875 geboren in London als Sohn eines aus Sierra Leone stammenden Arztes und einer Engländerin, hat den Ansatz, nach dem Vorbild Dvoráks oder Griegs für die böhmische und die norwegische Volksmusik „Negro Melodies“, so Coleridge-Taylor selbst, in einen Zusammenhang der romantischen Musikästhetik zu übertragen. Ohrenfällig die Nähe des 1946 uraufgeführten Stücks „Lyric for Strings“ des afroamerikanischen Nadja-Boulanger-Schülers George Walker zu dem berühmten, acht Jahre zuvor entstandenen Adagio for Strings von Samuel Barber. Gleich diesem ist der Charakter ein elegischer, im spätromantischen Duktus und in seiner schlichten Schönheit berückend.

Ein wenig häufiger aufgeführt werden in jüngerer Zeit Werke der lange vergessenen Afroamerikanerin Florence Price (1887-1953). Den Solopart in ihrem Klavierkonzert in d-Moll (1932-34), einsätzig und doch wie in drei Sätzen strukturiert, hat die zwanzigjährige Pianistin Jeneba Kanneh-Mason mit einer sehr bewusst und gezügelt ausgekosteten romantischen Virtuosität gespielt.

Sämtlich zeichnen sich diese drei Positionen aus durch ein eigenes kompositorisches Profil, Gefälligkeit inbegriffen. Nach der Pause dann ein Konzertsaalschlager, Dvoráks 1893 in seiner Zeit in New York entstandene 9. Sinfonie „Aus der neuen Welt“, die neben Anklängen an die Musik der böhmischen Heimat des Komponisten Momente der in der Musik der Ureinwohner gebräuchlichen Pentatonik wie auch der Synkopen aus den Spirituals aufweist. Umgekehrt eröffnet Prices Klavierkonzert mit dem gleichen viertönigen Motiv wie die Sinfonie. Opulent und zugleich fein schattiert der Klang des hervorragend disponierten Orchesters.

Im Programmheft zum Konzert „Afghanische Musikwelten im Exil“ tags darauf im Mozart-Saal wird die Geschichte der Exilierung einer ganzen Musikschule erzählt. Das Afghanistan National Institute of Music (ANIM), gegründet nach der Befreiung von den Taliban 2010 von dem Musikwissenschaftler Ahmad Sarmast in Kabul, war die erste und einzige Musikschule des Landes, an der auch Frauen Musik lernen konnten und überhaupt jeder, unabhängig von ethnischer oder religiöser Zugehörigkeit und sozialem Status. Ein revolutionärer Akt.

Nach ihrer erneuten Machtübernahme haben die Taliban die gesamte Musikkultur im Land eliminiert und das Musizieren und Musikhören verboten. Im November 2021 konnten 273 Musikerinnen und Musiker des Instituts mit Unterstützung des UN-Hochkommissariats für Flüchtlinge und des Beziehungen zu den Taliban unterhaltenden Katar (!) nach Portugal gebracht werden, mit unmittelbarem Anrecht auf Asyl als Kontingentflüchtlinge. Ein Akt der vorbehaltlosen Hilfe – auch das ist also möglich, sofern es bloß gewollt ist. In Portugal soll das ANIM als europäisches Kompetenzzentrum für afghanische Musik neu erfunden werden.

Im Konzert mit dem ANIM-Ensemble für traditionelle Musik und dem ANIM Chamber Ensemble, gerade auf ihren ersten Tournee nach der Evakuierung, ging es quer durch eine Musikkultur, die von der Lage des Landes am Schnittpunkt dreier Kulturen, der indischen, der persischen und der zentralasiatischen geprägt ist. Neben der Kurzhalslaute Rubab, dem afghanischen Nationalinstrument, werden im mit jungen Musikerinnen und Musikern und alten Meistern besetzten Ensemble für traditionelle Musik die indische Sitar, das Harmonium und die Tablas gespielt; für das Chamber Ensemble hat der junge Dirigent und Arrangeur Qambar Nawshad traditionelle afghanische Lieder auf westliche Streichinstrumente und die Querflöte übertragen.

Der Ansatz des ANIM ist offenkundig der einer vitalen Fortschreibung von Tradition, nicht zwingend einer ausschließlich sortenreinen Verwaltung.

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