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Liam Gallagher bei der Arbeit: „This is not what I fucking want, asshole.“

Oasis

Der Chef hat schlechte Laune

Ex-Oasis-Sänger Liam Gallagher ist mit seiner neuen Band Beady Eye auf Deutschland-Tournee - einer Langweiler-Truppe. Der Chef selbst muss sich zwischen Bühnentechnik, Fluchen und Singen entscheiden.

Von Aleksandar Zivanovic

Oasis sind nicht tot, Oasis schlafen nur: Der Streit zwischen den Gallagher-Brüdern ist nicht für die Ewigkeit, Liam und Noel werden sich wieder vertragen – ganz bestimmt. Bis dahin gibt es Beady Eye: die neue Britpopband von Liam. Gerade sind sie auf ihrer ersten Deutschlandtournee; am Freitag waren Beady Eye in der Berliner Columbiahalle zu sehen.

Applaus, Schreie, die Band kommt aus den Kulissen hervor. Plötzlich: ein Bierbecher fliegt auf die Bühne. Oh nein, das sieht Rock-Star Liam als Begrüßung überhaupt nicht gerne. „Nice one, you fookin’ dickhead!“ („Toll gemacht, Schwachkopf!“) bellt er in Manchester-Manier ins Mikrofon, während sich seine fünf Band-Kollegen schon mal an die Arbeit machen und mit „Four Letter Word“ das düsterste Lied aus dem Repertoire erklingen lassen.

Die nächsten Minuten verwendet Gallagher darauf, den Bierbecherwerfer zu suchen. Hierzu entfernt er sich vom Mikrofon und schreitet in seiner grau-grünen Camouflage-Jacke zum Bühnenrand vor. Er bewegt sich wie jemand, der in einer Bar nach Streit sucht. Er schaut grimmig in die Richtung, aus der der Becher geworfen wurde. Ist es denn überhaupt möglich, einen einzelnen Bierbecherwerfer in einer halbwegs gut gefüllten Konzerthalle zu ermitteln? Bei diesen extremen Lichtverhältnissen, diesen Strobo-Lichtern?

Natürlich ist es möglich: „beady-eyed“ heißt auf deutsch schließlich „scharfäugig“, und das Ober-Adlerauge hat den Übeltäter schnell erspäht. Tja, das hätte sich der Bierbecherwerfer besser vorher überlegen sollen: Jedenfalls wird er von Liam jetzt minutenlang mit Blicken durchstochen und in einer nicht enden wollenden Tirade beschimpft. Natürlich versteht man nicht alles, was der Mann auf der Bühne so vor sich hinschimpft. Aber manche Worte lassen sich doch von den Lippen ablesen, zumal, wenn sie wie in diesem Fall noch gestisch untermalt werden: Besonders oft scheint Gallagher das Wort „Wanker“ („Wichser“) zu benutzen, was er mit der typischen Hand-Schüttelbewegung kraftvoll und für alle leicht verständlich zum Ausdruck bringt. Prima, das passt alles sehr gut zu den Rock-Akkorden.

Dann Liam bei der Arbeit: die Knie leicht angewinkelt, der Oberkörper ein wenig nach vorne gebeugt und seitlich verdreht, die Hände hinterm Rücken. Er presst die Stimme von unten hoch und stößt dabei immer wieder mit seiner Nase ans Mikrofon. Das Nasale kommt erst dadurch perfekt zur Geltung. Nach wie vor zieht er die Vokale, wie schon zu Oasis-Zeiten, brillant in die Länge. „Millionairs“, „The Roller“ und „The Sons of Stage“ werden gespielt, der Sound, anfangs Mittelmaß, bessert sich zum Glück von Lied zu Lied.

Was sich jedoch nicht bessert, ist Liams Laune. Denn auch weiterhin fliegen Becher auf die Bühne. Dabei hat er inzwischen schon mehrmals mit hervorragend eingesetzter Mimik und Gestik mitgeteilt, was er davon hält: Wenn das so weiter geht, Leute, dann setzt es was – nach dem Konzert, draußen, vor der Tür.

Dann stimmt auf einmal der Klang auf der Bühne nicht. In den Pausen zwischen den Stücken läuft Liam kopfschüttelnd zur rechten Bühnenseite, um sich mit dem Techniker zu „unterhalten“. Das ist eine Besprechung der besonderen Art, auch hier wird wieder ausgiebig geflucht. „This is not what I fucking want, asshole“ („So war das aber nicht abgemacht, Freundchen“)! Jede Silbe wird mit einem Fingerzeig unterstrichen.

Während Liam Gallagher also im Dauerstress ist und unermüdlich seine Runden auf der Bühne dreht – vom Mikrofonständer zum Bühnenrand, um Becherwerfer einzuschüchtern und gleichzeitig Frauen zu beglücken, hinüber zum Techniker, um über den Klang zu diskutieren, und wieder zurück zum Mikro, schließlich muss er irgendwann auch noch singen –, bewegen sich seine Musiker kaum vom Fleck: Eine Langeweiler-Truppe ist das, die nur durch perfektes Retro-Styling auffällt. An den Gitarren Andy Bell und Gem Archer, beides alte Oasis-Weggefährten, Chris Sharrock am Schlagzeug, Jeff Wootton am Bass und Matt Jones am Keyboard, alles solide Rock-Musiker, keine Frage. Einprägsame Gitarrenriffs, dynamische Schlagzeug-Fills, nichts ausdrückende Pausenfüller-Soli, alles, was man eben standardmäßig im Repertoire als Stadionrockband drauf haben muss – das können die richtig gut. Klingt alles irgendwie wie... wie Oasis. Und die klingen bekanntlich wie Stone Roses, Stooges, Beatles oder Stones.

Viel Applaus gibt es nach jedem Lied. Die Mädchen kreischen, wenn Liam sich mit der Hand durch die Frisur und das frisch rasierte Gesicht fährt. Einigen wenigen hat das Konzert trotz brillanter Stinkstiefel-Show nicht gefallen: Vor der Zugabe skandieren sie „Oasis, Oasis“ – was für eine Provokation! Liam spielt die Zugaben zum Glück trotzdem, das Konzert wird schließlich live gestreamt. Nach einer guten Stunde ist alles vorbei, das ganze Album und die B-Seiten sind heruntergespielt. Zum Schluss wird es dann richtig fies, als einige Krämerseelen „Noel, Noel“ schreien.

Der große Bruder Noel ist tatsächlich ein paar Meter entfernt zu sehen, auf großen Plakaten: Sein neues Album ist gerade erschienen. Mit seiner aktuellen Band High Flying Birds ist auch er bald auf Deutschlandtournee. Seine Musik ist softer, noch mehr Konzertgitarren, sein Auftreten bekanntlich weniger rüpelhaft.

Aber sonst sind kaum Unterschiede zu erkennen. Auch die Webseiten beider Oasis-Nachfolgebands sehen fast identisch aus und sind von der gleichen Firma aus Manchester gebaut. Oasis sind gar nicht tot. Oasis schlafen nur. Irgendwann sind die Brüder wieder vereint, ganz bestimmt, nein, definitely maybe.

Beady Eye: 19.10., Offenbach, Stadthalle

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