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Erika Stucky, hier aber nicht mit Monstern.

Erika Stucky

Cheek to cheek mit Godzilla

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Erika Stuckys heiter-düstere Monster-Performance im Frankfurter Mousonturm.

King Kong! Godzilla! Frankensteins Monster! Erika Stucky ist selig: so viele liebenswerte Geschöpfe. Gut, sie sehen alle irgendwie erschreckend aus und geben dieses bekannte Gebrüll von sich, aber eigentlich wollen sie nur das eine: die blonde Frau retten.

Ja, leider muss die Frau blond sein, damit die Monster sie retten wollen, sagt die dunkelhaarige Erika Stucky und überspielt ihre leise Gekränktheit. Trotzdem singt sie am Ende des Abends, fast schon als Zugabe, „Heaven! I’m in heaven, and my heart beats so that I can hardly speak“. Es dauert ein paar Sekunden, bis das alte Lied in dem minimalistischen Arrangement der Band erkennbar wird: Irving Berlins „Cheek to Cheek“ aus dem Jahre 1936, einem offenbar guten Jahr für Monster.

Der Frankfurter Mousonturm ist ausverkauft. Erika Stuckys aktuelles Programm sucht oder propagiert geradezu die nette Seite historischer Monster und findet vor einer wirkungsvollen Schattenwand statt, auf der verrätselte schwarzweiße Filmsequenzen und schattenhafte Bewegungen zu sehen sind. Der Mikrofongalgen erscheint dort manchmal als alles überragender Schattenwurf, die schwarze Kontur der Sängerin überwölbt mit nosferatuhaft ausgestreckten Horrorhandkrallen riesig die Schatten ihrer Musiker.

Das ist nicht nur eine launige Scherzvorstellung. Dafür ist alles einfach zu präzise gearbeitet und zu gut arrangiert.

Die Band besteht aus zwei Tubisten (Jon Sass und Ian Gordon-Lennox), von denen der eine (Gordon-Lennox) zwischendurch auch immer mal ein paar Töne auf dem Kornett spielt. Dazu kommt FM Einheit am Schlagwerk, das aus einem Stand-Tomtom und zwei von der Decke herabhängenden Stahlfedern mit Tonabnehmern besteht, an denen er mit Schlägeln, Gummihammer, Akku-Bohrer und Händen eigentümliche, plötzliche, fiese Geräusche und subtile Rhythmik zaubert.

Die metallischen Klänge und das tiefe, irreführend wohltönende Blech bilden eine wunderbar finstere Basis für die originellen Arrangements und die schönen Lieder des Abends. Erika Stucky setzt ihre Stimme klanglich und dynamisch überaus variabel ein, ihre Ansagen changieren sprachlich zwischen den zwei gesegneten Ländern Schweiz und Kalifornien, und ihre Art der Intonation und Artikulation von melodischem Material ist originell und unerschrocken. Sie ist traditionell japanisch, also mangamäßig ausstaffiert, mit einer riesigen Schleife im (dunklen) Haar und Geta an den Füßen – immerhin waren einige der gefräßigsten Filmmonster japanischer Herkunft.

Allerdings: Waren die Monster wirklich so harmlos? Man muss vor ihnen keine Angst haben, will Erika Stuckys Performance sagen, aber das wäre so neu und überraschend nicht, dass man sich einen ganzen Abend damit beschäftigen müsste. Vielleicht geht es auch darum zu zeigen, aus welchen basalen Komponenten (Metall, Schatten, Mikro, Laptop) Monster geschaffen werden können. Und zu fragen, wo außer auf der Bühne und der Leinwand, es in der Wirklichkeit Monster gibt und wie sie sich tarnen.

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