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Udo Jürgens am 01.09.1977 in der Nähe von Zürich.

Zum Tod von Udo Jürgens

Ein Charmeur und großer Freigeist

Bilanz eines großen Entertainers: mehr als 1000 Songs. Mehr als 100 Millionen verkaufte Platten. Mehr als ein halbes Jahrhundert auf der Bühne. Merci, Udo Jürgens. Für schöne Stunden und tolle Songs.

Von Frank Olbert

Wenn einer es schaffte, mit den eingängigsten Melodien schroffe Botschaften zu verbinden, dann er: Udo Jürgens, der die Scheinheiligkeit im ehrenwerten Haus geißelte und dabei zum Mitsingen animierte. Gesellschaftskritik – aber bitte mit Sahne gewissermaßen. Keinem anderen hätte man es abgenommen, dass er in die große Unterhaltungsshow am Samstagabend kommt und dem Publikum kräftig was einschenkt. Ihm schon, dem großen Charmeur, der gleichzeitig Freigeist war, dem Barden, der es verstand, im deutschen Schlagergeschäft etwas wie die Eleganz des französischen Chansonniers zu verströmen.

Udo Jürgens stammte aus einer illustren Familie. Seine Mutter Käthe war eine Arp, ihr Bruder Hans Arp avancierte als berühmter Dadaist und Freund von Max Ernst zu einem der einflussreichsten Künstler des 20. Jahrhunderts. Der Vater hingegen war Sohn des deutschen Bankdirektors Heinrich Bockelmann, der mit der Familie nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs ins damals neutrale Schweden flüchtete. Nach dem Krieg ließen sich die Eltern auf Gut Schloss Ottmanach in Kärnten nieder, das Jürgens‘ Großvater seinen fünf Söhnen vererbt hatte. Hier wuchs Udo Jürgen Bockelmann, so sein Geburtsname, auf; gemeinsam mit zwei Brüdern, umgeben von Onkeln und Tanten, die in Politik und Großindustrie tätig waren.

Wie sich diese Herkunft auf sein späteres Leben auswirkte, darüber lässt sich trefflich spekulieren – sicher ist, dass bereits die frühen Jahre ihm Selbstvertrauen verliehen. Als jüngster Teilnehmer überhaupt gewann er 1950 bei einem Komponisten-Wettbewerb des Österreichischen Rundfunks mit dem Lied „Je t’aime“. Und als Komponist erzielte er in den ersten Jahren seiner Karriere auch die größten Erfolge: „Jenny“ wurde 1961 in der Interpretation von Lale Anderson ein Hit; bereits ein Jahr zuvor hatte er für Shirley Bassey den Welthit „Reach for the Stars“ geschrieben.

Nach den Sternen zu greifen, ließ sich Jürgens nicht zweimal sagen, auch wenn seine mehrmalige Teilnahme am Grand Prix d’ Eurovision nicht von dem Erfolg gekrönt war, den sich die Österreicher von ihm erhofften.

Dafür gingen seine Kompositionen buchstäblich um die Welt, sein für Matt Monro komponiertes „Walk Away“ gelangte in die amerikanische Hitparade, und Zug um Zug gelang es Jürgens, auch als sein eigener Interpret Erfolge zu feiern: 1966 erreichte er beim European Song Contest mit „Merci, Chérie“ endlich Platz eins, und damit war die Hitmaschine in eigener Sache angeworfen. 1971 sang Udo Jürgens das Lied der ARD-Fernsehlotterie, „Zeig mir den Platz an der Sonne“. Er komponierte und sang den Auftaktsong für die Zeichentrickserie „Tom und Jerry“ und schenkte mit „Vielen Dank für die Blumen“ Generationen von Kindern einen Ohrwurm; und er besang in „Griechischer Wein“ die Nöte und Sorgen der sogenannten Gastarbeiter in Deutschland, und dies so ergreifend, dass er und sein Texter Michael Kunze vom griechischen Ministerpräsidenten Konstantinos Karamanlis in Athen empfangen wurden – natürlich gab es griechischen Wein.

Und er hatte seinen Weg gefunden, den er immer entschlossener und beherzter beschritt. War in Deutschland Dieter Thomas Heck mit seiner „Hitparade“ der Inbegriff des Schlagers als Alltagsflucht, so schlug Jürgens die umgekehrte Richtung ein. Seine Lieder, die man kaum noch Schlager nennen wollte, gingen genau auf diesen Alltag und seine Untiefen ein – auf die Bigotterie der Bewohner eben jenes ehrenwerten Hauses, die kein unverheiratetes Paar in ihrer Mitte dulden wollen. Auf Deutschland als „Café Größenwahn“, wo Überfluss und Dekadenz herrschen, aufs Wettrüsten, auf die Umweltzerstörung, die in den 70er Jahre grausame Rekorde aufstellte, auf Drogensucht, den Kalten Krieg und Doppelmoral in der Kirche – der Bayerische Rundfunk setzte sogar ein papstkritisches Lied von Jürgens auf den Index.

Willy Brandt hingegen erkannte in ihm eine Gallionsfigur für das neue kritische Deutschland der 70er Jahre, das gleichwohl Wert auf Stil und gutes Aussehen legt, und lud den Sänger auf seine Partys ein. Jürgens war zu einer zentralen Figur im deutschen Kulturbetrieb avanciert, und als Komponist, Sänger und Pianist pflegte er den satten Sound. Sein Name ist untrennbar verknüpft mit den großen Bigbands und Combos der bundesdeutschen Nachkriegszeit, die wie das Orchester von Pepe Lienhard keinen Vergleich mit dem amerikanischen Vorbild scheuten.

Daneben, und dies ist keine Kleinigkeit, wurde Jürgens häufig als Schauspieler verpflichtet. Seiner politischen Aufgeklärtheit zum Trotz sind es allerdings nicht die gesellschaftskritischen neuen deutschen Filme, die er mit seinen Auftritten beehrte, sondern eher die Werke aus Opas Kino, das die Jungen aufs Korn nahmen. Jürgens schätzte „Die Beine von Dolores“ und bestieg das „Traumschiff“, er schickte „Liebesbriefe aus Tirol“ und war dabei, als „Unsere tollen Tanten“ auch noch einen Nachfolger bekamen. Das aber sind nur Randnotizen einer Laufbahn, die eben mehr musikalisch als cineastisch ausgerichtet war.

Erst im September konnte er seinen 80. Geburtstag feiern; kurz zuvor hatte er sein ungebrochenes politisches Interesse unter Beweis gestellt, indem er öffentlich die Einwanderungspolitik der Schweiz kritisierte, wo er die letzten Jahre verbrachte: „Europa ist die beste Idee, die dieser Kontinent seit tausend Jahren hatte.“ Und er stand auf der Bühne, ein Entertainer durch und durch noch im hohen Alter, ein Unterhalter allerdings, dem Flachheit zuwider war.

Am gestrigen Sonntag brach Udo Jürgens während eines Spaziergangs in Gottlieben im Kanton Thurgau zusammen. Kurz darauf verstarb er im Krankenhaus von Münsterlingen an Herzversagen.

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