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Charlie Parker 1947 im New Yorker Jazzclub „Three Deuces“.

Charlie Parker

Aus der Ära des Umbruchs

  • vonHans-Jürgen Linke
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Vor hundert Jahren wurde der große Jazzmusiker Charlie „Bird“ Parker geboren.

Als Charlie Parker, dem zeit seines Künstlerlebens der Name „Bird“ anhaftete, im März 1955 gestorben war, tauchten an New Yorker Hauswänden Graffiti auf, die behaupteten: „Bird lives!“ Soweit sich das auf seine ungebrochene musikalischen Präsenz im aktuellen Jazz bezog, war das die pure Wahrheit.

Die physische Realität zeigte ein anderes Bild. Ärzte hielten den 34-Jährigen nach der Obduktion für einen Mittfünfziger. Ein schnelles, rastlos taumelndes, intensives Leben mit Drogen- und Alkoholabhängigkeit hatte seine Spuren hinterlassen.

Parker wurde am 29. August 1920 geboren in Kansas City, Kansas; 1928 zog die Familie in den anderen Teil der Doppelstadt, der im Staat Missouri lag und ein durchaus zwielichtiges, umtriebiges Nacht- und Musikleben besaß. Mit elf spielte Parker in der Schulkapelle Tenorhorn und Klarinette und wandte sich zwei Jahre später dem Altsaxophon zu. Mit 14 begann er, sich den Anregungen und Herausforderungen des großstädtischen Musiklebens auszusetzen. Er zog durch die Clubs und stieg bei Sessions mit durchreisenden Bands ein.

In der bekanntesten Anekdote aus dieser Zeit geht der 15-jährige Parker bei einer Session mit Musikern der Count-Basie-Band auf die Bühne und lässt seinen Chorus erbärmlich daneben gehen. Schlagzeuger Jo Jones schlägt verärgert auf das Becken, um dem Krampf ein Ende zu machen, und als Parker nicht reagiert, wirft Jones das Becken über die Bühne, wo es scheppernd vor den Füßen des jungen Musikers landet. Der packt gedemütigt das Instrument ein und zieht sich für Monate zurück, um zu üben.

Mit 16 heiratete er zum ersten Mal. Ein unregelmäßiges Einkommen erarbeitete er als Musiker, wurde Mitglied in einer professionellen Band; um die gleiche Zeit begann offenbar seine Heroin-Abhängigkeit. Im Orchester von Earl Hines, dem er eine kurze Zeit angehörte, traf er zum ersten Mal Dizzie Gillespie. Mit ihm gründete er 1945 die erste Bebop-Combo und geriet damit in eine Konfliktlinie.

Der Jazz befand sich um die Mitte der 1940er Jahre in einem tiefgreifenden Umbruch. Die Ära der swingenden Tanzmusik neigte sich ihrem Ende zu. Der Jazz verlor an Glamour, wurde nervöser, nahm an rhythmischer und harmonischer Komplexität zu.

Parker spielte kaum in Bigbands, seine bevorzugten Formationen waren das Quartett und das Quintett. Sein Stil entfernte sich meilenweit von der Swing-Tradition. Sein Ton war schneidend und hart, und er verfügt über eine Spieltechnik, die Hörer oft ungläubig zurückließ. Seine Soli zerlegten die sanglichen Spannungsbögen der Swing-Melodien in motivische Fragmente, aus denen er Tonkaskaden in rasendem Tempo erzeugte, die harmonisch und rhythmisch immer schlüssig wirkten. Er arbeitete mit Skalen, die er schon während seines frühen Rückzugs aus den Sessions zu entwickeln begonnen hatte. Seine Kompositionen basierten häufig auf Akkordfolgen bekannter Swing-Standards, transformierten sie jedoch mit harmonischen und tonalen Erweiterungen in neue Stücke.

Immens sein Einfluss

Den Vertretern der Swing-Ära erschien dieser Stil, für den sich die lautmalerische Bezeichnung Bebop etablierte, chaotisch und dissonant. Für Parker aber war dies ein Weg, den Jazz als musikalische Kunstform zu etablieren, und er wurde einer der einflussreichsten Musiker des 20. Jahrhunderts. Seine Bewunderung galt Komponisten wie Debussy, Strawinsky oder Schönberg, ohne allerdings daraus zu folgern, dass der Jazz sich in diese Richtung entwickeln müsse. In den 1950er Jahren bekam er Gelegenheit, mit Streicher-Ensembles und Orchestern Aufnahmen zu machen und auf Europa-Tournee zu gehen.

Sein körperlicher Zustand aber und damit einhergehend seine Fähigkeiten als Musiker verschlechterten sich zusehends. Er starb am 12. März 1955 in der Wohnung der Jazz-Mäzenin Baroness Nica de Koenigswarter an multiplem Organversagen.

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