Hochaktiv vom Sofa aus: Charli XCX.
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Hochaktiv vom Sofa aus: Charli XCX.

Charli XCX

Charli XCX „How I’m Feeling Now“: Auf dem schmalen Grat

  • vonStefan Michalzik
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Zwischen Avantgarde und Charts: Wie Charli XCX sich unter dem Lockdown fühlt.

In niedergeschlagener Stimmung auf dem Sofa herumhängen und Netflix glotzen: Dieser nicht besonders verlockenden Aussicht wollte Charlotte Aitchison, die sich Charli XCX nennt, entgehen – und so hat sie sich für die Zeit des Lockdowns die Aufgabe gestellt, binnen gerade mal sechs Wochen ein komplettes Album mitsamt den flankierenden Videos auf die Beine zu stellen. In ihrer Wohnung in Los Angeles, ausschließlich mit den Mitteln, die ihr zu Hause zur Verfügung stehen.

Für die aus dem englischen Cambridge stammende Musikerin heißt das in gewisser Weise nichts anderes als: Zurück zu den Anfängen. Ihre Laufbahn hat sie vor gut zehn Jahren auf eigene Faust begonnen, via MySpace brachte sie es zu einem ersten Ruhm als Popgirlie, bevor sie 2013 für ihr offizielles Debüt „True Romance“ als große neue Pophoffnung gefeiert wurde. Obendrein machte nach und nach eine Reihe von spektakulären Hiterfolgen für andere Interpreten von Icona Pop („I Love It“) bis Camila Cabello & Shawn Mendes („Señorita“) von sich reden. Ohrwürmer, strikter Mainstream.

Was das eigene Werk als Popsängerin anbelangt, schlägt Charlotte Aitchison einen anderen Ton an. „Pussy Power“, so brachte sie ihr künstlerisches Programm vor ein paar Jahren selber auf den Punkt. Das klingt schwer nach der guten alten Riot-Grrrl-Tradition. Tatsächlich knüpft Aitchison daran an – auf ihre Art.

Das Album zur Krise? „How I’m Feeling Now“ heißt es, so simpel wie programmatisch. Zwar lässt Charli XCX im Discokracher „Anthems“ die Sehnsucht nach der Party anklingen, ein Klagelied stimmt sie indes nicht an. Das Leben erschöpft sich nicht in der Pandemie, so verheerend die Auswirkungen der Beschränkungen gerade für Musikbranche auch sind. In gewisser Weise handelt es sich um einen Gegenpol zu dem vorhergehenden Album „Charli“, das im September vergangenen Jahres herauskam und durch die Mitwirkung einer Latte von Gästen am Mikrofon geprägt ist. Der erste Eindruck von „How I’m Feeling Now“: ein hoher Anteil an Liebesliedern. Auf der anderen Seite wird etwas auf die Spitze getrieben wie nie zuvor.

Schon von Anfang an, seit „True Romance“, balanciert Charlotte Aitchison fabelhaft geschickt auf dem schmalen Grat zwischen Popavantgarde und einem chartaffinen Sound. Diesmal nun flirtet sie mitunter gar ungeniert mit dem amüsant schauderhaft vulgären Kirmestechno. Dabei wirkt der Umgang mit dem Trash mitnichten ironisch. Doch die Haltung, die Positionsbestimmung als Songwriterin bleibt offenkundig.

Wie bedeutend das „social“-medial inszenierte Mittun der Anhängerschaft bei der Entstehung nun wirklich war, sei dahingestellt. Als soziales Experiment ist das nicht weiter von Bedeutung, geglückt aber ist ein glamourös schillerndes Album. Von der Ballade mit ambienthaft schleppenden Beats über labyrinthisch gebrochene Elektrosounds bis zur hysterisch überdrehten Dancefloornummer reicht das Spektrum. Autotune auf der Stimme in fein abgewogener Dosierung, die Beats sollen zum Teil aus Benachrichtigungssignalen vom Computer gezwirbelt sein. An der Zukunft der Popmusik arbeitet Charli XCX konsequent weiter – und das keinesfalls mit Ausrichtung auf den inneren Kreis der Connaisseure.

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