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Celeste Waite.
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Celeste Waite.

Celeste „Not Your Muse“

Celeste: Du kannst mich ruhig bewundern

  • Harry Nutt
    vonHarry Nutt
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„Not Your Muse“, das lebenskluge und lässige Debüt der britischen Sängerin Celeste.

Es ist schon gut zwei Jahre her, da trat die damals 24-jährige Sängerin Celeste in der ARD-Show „Inas Nacht“ auf. Es war einer dieser gewollt bierseligen Momente, in denen die Gastgeberin sich wieder einmal gar nicht darüber einkriegen kann, was für einen tollen Show-Act sie da für ihre schrille kleine Talk-Sendung zu später Stunde an Land gezogen hat. Tatsächlich treten bei Ina Müller viele Musiker auf, lange bevor sie von einer größeren Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Das hat wohl auch mit den musikalischen Ambitionen der Ina Müller zu tun, kontrastreiche Sounds sind ein zentrales Element ihrer zotig-verquatschten Sendung.

Celeste sang in tief ausgeschnittenem Top „Stop the Flame“, ein kurzer Auftritt, in dem sie einerseits jazzige Coolness zelebrierte, der aber auch von zarter Schüchternheit belebt war, in der Celeste anschießend den Applaus aus der kleinen Bar im Hamburger Hafenmilieu entgegennahm. Wer zu dieser späten Stunde noch in der Lage war hinzusehen, vernahm ein Talent mit überbordenden Qualitäten, die gerade in ihrer Ungeschliffenheit bestachen.

Inzwischen ist die in Kalifornien geborene Celeste Epiphany Waite, Tochter eines Jamaikaners und ihrer britischen Mutter, die mit ihr nach Brighton zurückkehrte, als Celeste drei Jahre alt war, reifer und selbstsicherer geworden. Dass sie einen souveränen Stilmix aus Jazz, Soul, R&B und Lounge-Musik bedient, hatte bereits vor zwei Jahren beeindruckt, obwohl sie zunächst nur eine Handvoll Songs im Repertoire hatte. 2019 wurde sie mit dem „Rising Star“-Nachwuchspreis bei den Brit Awards ausgezeichnet, ihre warme Soulstimme, so wurde kolportiert, habe sogar Elton John hingerissen.

Zum beliebten Spiel mit berühmten Namen passt auch die Assoziationskette der Ähnlichkeiten, die beim Hören der rau-gehauchten Stimme von Celeste immer wieder aufgerufen wird: Norah Jones, Sade, Amy Winehouse, Adele, unbedingt diese Liga. Und etwas ältere Popfans durften sich anlässlich des Auftritts bei „Inas Nacht“ an Marsha Hunt erinnert fühlen, die Ende der 60er Jahre als Darstellerin des Musicals „Hair“ und Sängerin des Chart-Hits „Keep the Customers Satisfied“ eine ähnlich furiose Erscheinung war. Ganz abwegig ist dieses eklektizistische Herbeizitieren möglicher Vorbilder übrigens nicht. Gern verweist Celeste darauf, dass sie die Musik ihrer Eltern aufgesogen habe. Woher die Einflüsse auch kamen – sie hat sie, ohne das Spielen eines Instruments gelernt zu haben, intuitiv verarbeitet.

Das Album:

Celeste: Not Your Muse. Polydor Records/ Universal Music.

Nun besteht erstmals die Gelegenheit, die in der Fachwelt bereits vielfach geäußerten euphorischen Eindrücke zu überprüfen. Mit „Not Your Muse“ erscheint das erste vollständige Album mit insgesamt zwölf Songs von Celeste, mit dem sie bereits 2020 hätte durchstarten sollen. Konzerte waren geplant, die entsprechenden Promotionskanäle vorbereitet. Die giftige Mischung aus Brexit und Corona hat den gloriosen Aufstieg eines ungeduldigen Neulings dann aber ins Stocken gebracht.

Es folgte der unbefriedigende Weg über Streaming-Interviews und Videos, das Reüssieren eines Stars als Konserve. Aufgehalten werden wird Celeste deswegen aber wohl nicht. Mit ihren Songs kommt sie ihrem Publikum auf unaufdringliche Weise nah, obwohl sie insbesondere in dem Titelstück „Not Your Muse“ auf unmissverständliche Weise zum Ausdruck bringt, dass sie nicht bereit ist, das Trophy-Weib einer neuen Jazz-Welle abzugeben. „I can be bold/decorate me“, singt sie hingebungsvoll. „Adore me baby/But I can’t be owned/ It’s not part of my design“. Bewundere mich, aber du solltest wissen, dass man mich nicht besitzen kann. Celeste besingt ihre Version weiblicher Selbstbestimmung, die sich ihrer Reize bewusst ist, über deren Einsatz aber auch verfügen möchte.

Das Stück „Ideal Woman“ handelt von der beinahe unausweichlichen Macht von Schönheitsidealen, gegen die insbesondere junge Frauen sich zur Wehr setzen müssen, die später aber auch als Stück einer Emanzipationsgeschichte begriffen werden können. Sieht man die quirlige, oft auch nachdenkliche Celeste in Interviews, staunt man immer wieder über die Verbindung von heiterer Impulsivität und Melancholie, die insgeheim auch ihr musikalisches Kapital ist. In dem hitverdächtigen Up-tempo-Stück „Love Is Back“ sinniert Celeste lebensklug und lässig über das so trügerische wie verführerische Gefühl einer noch nicht ganz verloschenen Liebe. Sie könne nicht lügen, singt sie, wenn sie doch sieht, dass es wahr sei.

Das alles ist jetzt vielleicht nicht unbedingt eine lyrische Offenbarung, aber solche Nörgelei zerstreut Celeste mit einem derart intimen Ausdruck von Authentizität und Nähe, der gerade in Zeiten der Pandemie doch immer wieder als unüberwindlicher Mangel beschrieben wird.

„Some Goodbyes Come With Hello“ schließlich ist der Rausschmeißer eines Albums, für dessen Sehnen und Anschmiegen man vielleicht gerade wegen der akuten Umstände so anfällig ist. Nicht auszuschließen aber auch, dass dieses etwas verzögerte und behinderte Debüt der Durchbruch für eine Sängerin ist, die bald schon ganz selbstverständlich in der oben genannten Reihe ihrer Kolleginnen genannt werden muss.

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