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Cecilia Bartoli im Friedrich-von-Thiersch-Saal im Wiesbadener Kurhaus. Foto: Ansgar Klostermann

Kurhaus Wiesbaden

Cecilia Bartoli mit „Farinelli“ in Wiesbaden: Die Tiefe der Oberfläche

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„Farinelli“: Cecilia Bartoli feiert im Wiesbadener Kurhaus den schönen Schein.

Es ist nicht üblich, dass sich Sängerinnen auf einem Plattencover mit Vollbart zeigen. Cecilia Bartoli geht aber seit jeher eigene Wege, so auch mit ihrem neuen Album „Farinelli“, auf dem sie erneut ihr Interesse an der Kunst der Kastraten und ihres besonders berühmten Vertreters dokumentiert. Das neckische Spiel setzt sich im Konzert der Reihe „Wiesbaden Musik“ fort, das im Kurhaus ein regelrechtes Miniaturmusiktheater ist, mit Kostümen, Requisiten, Statisterie.

An die ohnehin sensationelle Rückwand des Friedrich-von-Thiersch-Saals wird der Zuschauerraum des neapolitanischen Teatro di San Carlo geworfen. Festliche Pracht über festlicher Pracht und – denn welches Detail gehört denn nun zu welchem Raum? – fast so irritierend, wie die Illusion des Barocktheaters sein will und kann. Es ist nicht so oberflächlich, die Oberfläche zu feiern, wie es das Tiefsinn in allen Dingen suchende 19. Jahrhundert dem Publikum dann erfolgreich weismachte.

Vor und nach der Pause gibt es zwei große Runden, so dass die ermüdende Galastimmung mit ungezähltem Zwischenbeifall komplett ausbleibt. Stattdessen gesellt sich zur optischen Illusion auch die eines Zusammenhangs, der auf überaus vergnügliche Weise nicht besteht in dieser Girlande von Arien Händels und Nicola Porporas oder eines weiteren Neapolitaners, Leonardo Leo. Letzterer mit einer hinreißenden Passage aus einer Oper namens „Zenobia in Palmira“, „Qual farfalla“, denn eine Bartoli-Auswahl weiß zu überraschen. Ihre wechselnden Garderoben deuten aber immerhin an, ob wir uns beim nächsten Komponisten befinden und ob sie ein fescher Liebender ist oder die dekadente Cleopatra. Es wird auch gejammert, aber vor allem wird genossen. Das Androgyne, das Wohlbefinden in einem Dazwischen – Eindeutigkeit ist kein Wert an sich – bleibt stets gewahrt, ebenso Bartolis ungemeine Präsenz, als Mensch und Stimme.

Perfekt auch die Rauchkringel

Sie bläst Rauchkringel in die Luft und lässt sich von netten Lakaien hofieren und umwedeln, sie hascht nach einem Vögelein und tanzt ein bisschen. Der sehr dunkel timbrierte Mezzo, der gleichwohl in der Höhe glänzt, stellt – in reizvollem Kontrast zu den optischen Schauwerten des Abends – seine unzweifelhafte Virtuosität nicht aus. Beiläufig die perfekt sitzenden Koloraturen, lang der Atem, hingebungsvoll, aber unaufdringlich und treffsicher die Suche nach immer wieder anderen Effekten und Farben. Dabei wird die Sängerin von den Musiciens du Prince aus Monaco unter der Leitung von Gianluca Capuano ideenreich unterstützt: Mit abwechslungsreichen Instrumentierungen und Duettbildungen, mit Fernmusik, Windmaschine und Donnerblech, Vogelgezwitscher und sogar dem Säuseln von Blattwerk, durch das der Wind geht.

Der modulierende Cembalospieler gibt den Nummern passende Scharniere, und die Instrumentalparts zwischen den Szenen sind keine Pausenfüller für einen singenden Star, sondern exquisite Nummern für sich. Vor sommerlicher Lebendigkeit quillt das Programm über. Es war nur angemessen, dass nachher unter anderem Rosen auf die Bühne flogen.

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