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Carolin Widmann „L’Aurore“: Die Geige im Wechselgesang

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Von: Hans-Jürgen Linke

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Carolin Widmann, die alles kann, was die Geige kann. Lennart Rühle/ECM Records
Carolin Widmann, die alles kann, was die Geige kann. Lennart Rühle/ECM Records © Lennart Rühle/ECM Records

Carolin Widmanns enzyklopädisches Album „L’Aurore“ für Violine solo.

Was kann die Geige? Komische Frage, es ist ja nicht die Geige, die etwas kann, sondern die Person, die die Geige spielt. Aber es gibt Klangvorstellungen, die man der Geige zuschreibt und in denen sich Entwicklungen vollziehen, die sich zu einem Traditionsprozess fügen. Carolin Widmanns Violine-Solo-Album „L’Aurore“ ist eine klassisch gesinnte, exemplarisch-historische Enzyklopädie der Musik für Violine solo.

Das muss erklärt werden.

Erstens „klassisch“: Von all den aufregenden Spieltechniken, die seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts für die Violine und ihre Verwandtschaft aufgekommen sind, die linke wie die rechte Hand betreffend und auch den Korpus nicht unbehelligt lassend, kommt hier relativ wenig vor. Carolin Widmann behandelt die Geige als Saiten- und Melodie-Instrument, nicht zur Geräuscherzeugung. So hat man weniger den Eindruck, einem Spiel zu lauschen als vielmehr einer Geige.

Das Album:

Carolin Widmann: L’Aurore. ECM New Series/ Universal.

Zweitens „exemplarisch“ und „historisch“: Die Auswahl der Stücke, die es auf dieses Album geschafft haben, ist so getroffen, dass eine lange Geschichte klanglicher Entwicklung erkennbar ist.

Das wohl älteste Stück

Es beginnt mit einer Antiphon von Hildegard von Bingen, was, wie Carolin Widmann meint, so ziemlich das älteste Stück Musik ist, das man auf der Geige spielen kann. Es ist die instrumentale Übersetzung einer vokalen Wechselgesangs-Melodie, und in Carolin Widmanns Interpretation schwingt das Vokale darin in jedem Ton, jedem Intervall mit; zugleich geben die textfreien Feinheiten der Violine der Musik einen tiefen Hauch von Universalität. Und weil die lineare Melodie dazu einlädt, die Interpretation zu variieren, gibt es zwei davon auf dem Album, nicht einmal mit der gleichen Dauer.

Dann der enzyklopädische Gedanke: Bei Johann Sebastian Bach und der Chaconne seiner Partita Nr. 2 BWV 1004 läuft schließlich alles zusammen, ohne dass dort irgend etwas aufhören würde. Und dahinter steckt keine Nichtbeachtung gegenwärtiger Musik. Zwischen Hildegard und Bach finden sich Kompositionen von George Enescu, George Benjamin und Eugène Ysaÿe. Enescus „Fantaisie Concertante“ ist von ausgreifendem Melos geprägt, dem die einsame Geige einen Kontext intensiver Lebendigkeit gibt. „Three Miniatures“ von George Benjamin sind konzentriert gearbeitete, markant individuelle Stücke von liedhafter Kürze. Der erste Satz von Ysaÿes Sonata Nr. 5 op. 27 – von dem sich das Album den Titel geliehen hat – ist feinstofflich und mündet in eine atemberaubende Dramatik, der zweite atmet kunstreiche Volksliedhaftigkeit.

Carolin Widmann gibt all dieser Musik einen ganz und gar persönlichen Ton, stets präzise und mit lupenreiner Virtuosität, ohne jegliche Eitelkeit. Jeder Ton ist ein Beispiel für das, was die Geige kann.

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