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Carole King – von der auch die Beatles abschrieben

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Von: Harry Nutt

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Carole King in Las Vegas, Januar 2022.
Carole King in Las Vegas, Januar 2022. © AFP

Mit „Tapestry“ setzte sie einen Meilenstein der Popgeschichte – Carole King zum 80. Geburtstag.

Es war zweifellos einer der emphatischsten Augenblicke der jüngeren Popgeschichte, als Aretha Franklin sich mit Handtasche und in einem dicken Pelzmantel während einer Gala im Beisein von US-Präsident Barack Obama ans Klavier setzte und ihren Hit „Natural Woman“ spielte und sang. Eine Diva mit dem Charme einer bodenständigen Hausfrau, so mochte es scheinen.

In der Version von Aretha Franklin war „Natural Woman“ immer auch als ein Stück zugleich schwarzer und weiblicher Emanzipation wahrgenommen worden. Anerkennung, so geht ja daraus hervor, kann nicht einfach nur behauptet, sie muss vom anderen auch entgegengebracht werden.

Weniger kraftvoll, fast brüchig wurde „Natural Woman“ 1971 von Carole King auf deren Album „Tapestry“ intoniert. Mit einem handlichen Bündel herausragender Kompositionen hatte sie die Songschreiberei ihrer Zeit revolutioniert. Natürlich gab es zuvor bereits die Leichtigkeit von Hal David und Burt Bacharach, die mit Dutzenden Hits unter Beweis stellten, dass leichte Muse, intelligente Texte und unverwechselbare Melodien kein Widerspruch sein müssen.

Carole King jedoch verlieh dieser Klangschule eine angenehme Frische, indem sie ihrer zerbrechlichen Anmut eine herzhafte Rauheit verlieh – Jazz, Soul, R’n’B, Rock, wozu um Himmels Willen sollte man das alles genau voneinander unterscheiden wollen?

Einzigartige Werkstatt

Allein die Besetzung von „Tapestry“ mit James Taylor, Danny Kortchmar, Russ Kunkel, Joni Mitchell und Curtis Amy könnte ein dickes Buch angemessener Ehrerweisungen füllen. Dabei bedurfte es erst der hartnäckigen Überzeugungsarbeit von James Taylor, Carole King zum Singen ihrer eigenen Songs zu bewegen. Gemeinsam mit ihrem ersten Ehemann Gerry Goffin hatte sie bereits seit den frühen 60er Jahren eine einzigartige Songschreiber-Werkstatt unterhalten, aus der bereits 1961 „Will You Still Love Me Tomorrow“ für die Girlgroup The Shirelles hervorging. „The Loco-Motion“ für Little Eva etablierte zugleich den gleichnamigen Tanz, und „Take Good Care Of My Baby“ verlieh Bobby Vee vorübergehend ein wenig Berühmtheit. Den Everly Brothers bescherte sie „Cryin’ In The Rain“. John Lennon und Paul McCartney gestanden später, sich anfangs vor allem an den Songs Carole Kings orientiert zu haben.

Schaut man sich indes Videos mit ihr an und registriert, wie sie stets ein wenig schüchtern am Klavier sitzt, meint man tiefe Demut gegenüber dem Zusammenspiel einiger Akkorde mit ihren Harmonievorstellungen aus fast jedem ihrer Lieder herauszuhören. Keine Pose, kein „Yeah, yeah, yeah“.

„Tapestry“ enthält Klassiker wie „It’s Too Late“, das vom Scheitern einer Beziehung handelt. Die Erkenntnis, dass es kein Zurück gibt, macht den Weg frei für Neues. Und so ist „Tapestry“ vor allem ein furioser Stilmix, für den das bluesig-rockige „I Feel The Earth Move“ den Takt vorgibt. Weil bei dem Album alles an der richtigen Stelle sitzt, wurde es 1995 als Hommage für Carole King noch einmal aufgenommen, diesmal gesungen von Aretha Franklin, Rod Stewart, Amy Grant, Faith Hill und anderen.

In der digitalen Wundertüte von Youtube findet sich auch ein gemeinsamer Auftritt von Celine Dion, Shania Twain, Mariah Carey, Gloria Estefan und Carole King, in dem sie „You’ve Got A Friend“ singen, eins dieser Lieder, für das man sich manchmal schämt, weil man sich von etwas anrühren lässt, das derart leicht zu durchschauen ist.

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