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Carlos Santana, 2011.

Rockmusiker

Carlos Santana wird 70

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Er steht gerne alleine auf der Bühne - gerne und oft auch mit anderen: Der Gitarrist Carlos Santana wird an diesem Donnerstag 70 Jahre alt.

In der großen Live-Geschichte des Pop verdienen mehrere Konzerte von Carlos Santana eine ausführliche Fußnote. Eines davon fand am 13. Juni 1984 in der Berliner Waldbühne statt. Santana stand dabei im Rahmen eines Mini-Festivals auf der Bühne, zusammen mit Joan Baez – und Bob Dylan.

Dylan war einige Jahre zuvor in der Deutschlandhalle bös ausgepfiffen worden, weil er die Erwartungen auf Restnostalgie schroff unterlaufen hatte. In der Waldbühne spielte er nun unfassbar laut, insbesondere ein grimmiges „Masters of War“.

Der Dylan, den die Fans vermisst hatten, war wieder aufgetaucht. Mit ihm Carlos Santana, der nicht nur ein komplettes Konzert spielte, sondern später am Abend mit Stones-Gitarrist Mick Taylor und Ian MacLagan von den Faces die illustre Begleitband Dylans auffüllte. Fusion, Crossover, special guest. Man war so frei in den schönen 80ern.

Drei Jahre später spielte Santana erneut in Berlin, im Rahmen seiner „Freedom-Tour“ im Palast der Republik. Das legendäre Konzert schafft es heute gelegentlich noch als Konserve ins Programm des MDR. Die echten Blueser der DDR hatten für die wenigen frei verfügbaren Karten stundenlang angestanden.

Latin-Rock ins Logbuch

Eines der Geheimnisse, warum Santana so unverkennbar Santana war und ist, hat wohl damit zu tun, dass er es war, der das, was man später kurzerhand Latin-Rock nannte, in das Logbuch der Stilrichtungen eintrug. Natürlich verlief das auch über das außergewöhnliche Gitarrenspiel des in Mexiko geborenen Amerikaners, der erst im Alter von 18 Jahren die US-Staatsbürgerschaft erhielt. Da war er bereits in den Clubs von San Francisco unterwegs. Wer ihn auf der Gitarre hörte, dem schmerzten die Fingerkuppen, weil die pointierte Spielweise am unteren Gitarrenhals früh ausgeprägt war.

Zweifellos hat die Erfindung und Durchsetzung des Latin Rock auch einiges mit Santanas Auftritt beim Woodstock-Festival von 1969 zu tun, im Zusammenschnitt des berühmten Films ist das Stück „Soul Sacrifice“ zu sehen und hören, das es wohl auch der stilistischen Bandbreite wegen in die Endfassung des Films schaffte. Und wegen der gefühlvoll geschlossenen Augen, die zum Markenzeichen Santanas wurden, wobei nie ganz klar war, ob der konzentrierte Musiker dem Nachhall der vergangenen Töne nachspürt oder ob er die kommenden vorempfindet. 

Bald nach Woodstock erschien Santanas zweites Album „Abraxas“, um das sich ein ganzer Strauß von Pop-Erzählungen rankt. Der Name stammt aus Hermann Hesses Roman „Demian“, das Cover zeigt einen Ausschnitt aus dem Gemälde „Annunciation“ von Mati Klarwein. Im Stilmix aus Blues, Rock, Salsa und Jazz versammelt das Album nebenbei die größten Erfolge der Band: das perkussionsgetriebene „Oye como va“, den Instrumentalhit „Samba pa ti“, die Coverversion von Peter Greens „Black Magic Woman“. Der Erfolg von „Abraxas“ war nicht zuletzt auf den unerschöpflichen Assoziationsreichtum zurückzuführen, der Pop war dabei, sich aus allen Stilrichtungen zu bedienen.

Ein verdammt guter Rockmusiker

So ausdrucksstark und eigenwillig der Solokünstler Santana von Anfang an gewesen sein mag, so besteht der Grund für seine anhaltende Karriere doch wohl auch in der Lust und Begabung, mit anderen auf die Bühne zu gehen. Ein eigenes Kapitel seiner Kreativität ist die über Jahrzehnte währende Zusammenarbeit mit dem Jazz-Virtuosen John McLaughlin, mit dem Santana von 1972 an in der Fusion-Formation Mahavishnu Orchestra auf der Bühne stand. Spirituell beeinflusst vom indischen Guru Sri Chinmoy begaben sich die beiden auf eine musikalische Zeitreise, auf die sie etwa der Organist Larry Young und der Trommler Don Alias begleiteten, die bereits beim Miles-Davis-Album „Bitches Brew“ mitgewirkt hatten.

Wer Namedropping mag, der findet in Santanas Biografie unerschöpfliches Material. Selbst die Vergessenen kommen nicht zu kurz. Als Santana vor wenigen Jahren darauf aufmerksam gemacht wurde, dass sein früheres Bandmitglied Marcus Malone inzwischen obdachlos geworden war, griff er ihm unter die Arme und bot ihm an, wieder bei Plattenaufnahmen mitzuwirken. 

Carlos Santana ist vielleicht nicht der gute Mensch des Rock, aber wenn man sich das Video seines Auftritts vom Montreux-Jazz-Festival von 2015 zusammen mit John McLaughlin ansieht, dann bleibt kaum mehr als die Feststellung, dass er ein verdammt guter Rockmusiker ist.

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