Carla Bley spielt die Gerüste und Streben. Caterina di Perri/ECM Records
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Carla Bley spielt die Gerüste und Streben.

Carla Bley

Carla Bley „Life Goes On“: Zwei Zoll in zwei Sekunden

  • vonHans-Jürgen Linke
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Die Jazz-Pianistin und -Komponistin Carla Bley und ihr neues Trio-Album „Life Goes On“.

Lange erfreute sich die Fußballwelt an Dragoslav Stepanovic’ Aphorismus „Lebbe geht weida“. Jetzt hat Carla Bley diesen Satz in englischer Übersetzung für ihr neues Album verwendet: „Life Goes On“. Es ist ein erleichterter Seufzer nach Unfällen und Rückschlägen, die in den Liner Notes lässig umschrieben werden mit „Carla was hit by a bucket of shit“ (man beachte, by the way, den anmutigen Binnenreim).

Was dann geschah? „She opened the door and was hit by some more“. Nach diesem verbalen Präludium erscheint das Album fast wie eine Art Auferstehungszeichen. Die vierteilige Suite jedenfalls, die ihm den Titel gibt, endet mit dem großen, frischen Finalsatz „And Then One Day“.

Carla Bley, Jahrgang 1936, hat sich seit Mitte der 60er Jahre einen nachhaltig monumentalen Ruf als Jazz-Komponistin erworben. Mit Michael Mantler gründete und leitete sie das Jazz Composer’s Orchestra, spielte Anfang der 70er Jahre in einem langwierigen Studio-Projekt die Jazz-Oper „Escalator Over the Hill“ ein, die erst 1997 ihre Live-Uraufführung im Kölner Stadtgarten erlebte. Für Charlie Hadens Liberation Orchestra arrangierte sie 2005 das Album „Not in Our Name“, das sich gegen die kriegerische Politik des George W. Bush wandte.

Das Album

Carla Bley, Andy Sheppard, Steve Swallow:Life Goes On. ECM / Universal.

And then, one day?

Carla Bley besinnt sich auf ihrem neuen Album auf die Substanz ihrer Musik. Sie spielt nur noch die Gerüste und Streben, nicht mehr die Girlanden. Rhythmen und Harmonien werden pointiert angedeutet. Da ist der Blues. Da ist der schöne, melodisch angeschrägte Schwung eines Kurt Weill, von dem sie manches gelernt hat. Da ist das flüssig-stockende Spiel der rechten Hand, das Nachdenklichkeit und leise Melancholie atmet. Da sind die weichen Bass-Melodien in Steve Swallows Soli, da sind Andy Sheppards ausdrucksreich-effektarme Saxophon-Linienwerke.

„Life Goes On“ erweckt in jeder Phase den Eindruck einer zu sich selbst gekommenen Musik, deren Erzeuger keiner fremden Idee und keinem fernen Ziel nachlaufen. Eine warme und leichtfüßige, dabei zuweilen eigenartig abstrahierte Schönheit durchzieht die Arbeit des Trios und eine konzentrierte Spielfreude. Carla Bley: „Wenn du für eine Band schreibst, kannst du dir – wenn es sein muss – einen Monat Zeit lassen, um einen Zoll Musik zu schreiben. Aber wenn du spielst, musst du diesen einen Zoll in zwei Sekunden spielen. Es ist ein völlig anderes Spiel und macht viel mehr Spaß als zu schreiben.“

Manchmal findet Carla Bley zum guten alten Übermut zurück und zu musikalischer Ironie. Dass ihr die Präsidentschaft Donald Trumps durchaus nicht gleichgültig ist, zeigt sie überlegen und wiederum mit leiser Melancholie eingefärbt in dem dreiteiligen „Beautiful Telephones“, das Trump in fundamentaler Verachtung gewidmet ist und im letzten Teil mit Versatzstückchen der Nationalhymne ein kleines Zitat-Würfelspiel treibt.

Es ist vermutlich für die Not-in-Our-Name-Komponistin nicht ganz leicht, sich durch rechtschaffenen Zorn nicht von ihrem eigenen künstlerischen Weg abbringen zu lassen – aber Carla Bley gelingt dieses Kunststück auf unmissverständliche Weise. Steve Swallow und Andy Sheppard unterstützen sie dabei, wie eh und je.

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