Animal Collective

California klingt wie Cologne

"Merriweather Post Pavillon": Animal Collective aus New York eröffnen das Popjahr mit methodischem Wahnsinn.

Von TOBI MÜLLER

Wer kennt noch den Equalizer an der Stereoanlage, diese angeberische Reglerreihe, die zur freien Verunstaltung des Klangbildes aufgefordert hat? Wahre Angeberei ist heute nur mit dem Gegenteil zu haben, mit kostspieligen Verstärkern, die gerade mal einen einzigen Drehknopf aufweisen - für die Lautstärke. Doch wer in seinem iTunes-Player etwas herumklickt oder das Autoradio jetzt mal so richtig konfiguriert, findet den Equalizer wieder: als digitale Voreinstellungen mit Namen wie Acoustic, Classical, Pop oder Rock.

Animal Collective ist nun die Band, die den Equalizern dieser Welt zu schaffen macht. Denn die früher zu zweit, dann zu viert und aktuell als Trio tourende Gruppe aus Brooklyn findet nicht nur jenseits gängiger Stile statt (das tun fast alle Bands aus Brooklyn, New York). Ungleich anderer Künstler nehmen Animal Collective die Soundeigenheiten der jeweiligen Quellen einzeln in ihren Klangkörper mit, der dadurch oft kurz vor dem Bersten zu stehen scheint. Alles ist voll und offen zugleich. Das Kollektiv, unlängst noch als Helden des hippiesken Weird Folk gefeiert, greift auf seinem neunten Album "Merriweather Post Pavillon" zu sehr unterschiedlichen Sounddrogen. Aber nichts wird bloß polytoxikomanisch verpanscht, jeder Rausch bleibt kenntlich trotz maximaler Dichte. Wilder, eigenständiger, luzider geht Zitieren gar nicht.

In den Höhen britzen die Billigsynthies zwischen alter Spielkonsolenmusik und dem mit Wurstdunst erweiterten Parfum der Variétézelte. Nicht weit unterhalb dieser Schwaden jagen die Harmonien der Beach Boys durch den Äther - besoffen und begeistert von den eigenen Talenten. Doch im Optimismus des stets aus voller Lunge Gesungenen steckt noch ein Rest Verzweiflung. Und aus dem Boden ragen Basspfähle, die selten ganze Beatteppiche abstecken.

So betont durchgeknallt das klingen mag, das Album handelt vom Alltag: Liebe, Kinder, Familie (soweit das akustisch zu verstehen ist). Der normale Wahnsinn also, außergewöhnlich dargereicht - ohne eingemittetes Klangkleid, ohne durchgehende Beats und vermeintlich ohne Tradition. Hier scheint alles neu zu sein.

Dabei weiß dieser Schein um sein Sein: Die manchmal stotternde Montage klingt mitunter wie eine analoge Simulation des Digitalen. Kenner könnten einwenden, dass sich die subsonischen Tiefen dieses Albums bei dem britischen Dub Step bedient haben, wie er mit London Zoo von The Bug in fast jeder Jahresbestenliste aufgetaucht ist. Und wer die Beach Boys bemüht, mag nahe an der ebenso gerühmten Platte der Fleet Foxes surfen. Beides schöne Alben, aber im Vergleich mit dem Funkenwerk von Animal Collective sind das doch nur korrekte Genre-Etüden.

Wer Animal Collective vergangenen Herbst im Berliner Technoclub Berghain gesehen hat, findet sich auch auf Merriweather Post Pavillon wieder. An Folk erinnert nur die Nähe zum Hymnus, der in seiner Wiederholbarkeit bereits wieder an Techno anschließen kann. Der Track "Summertime Clothes" klingt in der harten Eröffnung wie ein Produkt aus dem Kölner Hause Kompakt, in "Taste" begegnet der kalifornische Strand der Düsternis Nordost-Londons, "My Girls" oder "Brother Sport" greifen auf die technoide Konsequenz und Verspieltheit nur in Kleinsteinheiten zurück - nie geht es darum, etwas bloß mit einem Groove zu unterklatschen.

Es könnte aber auch sein, dass wir hier etwas hören, das bei aller Begeisterung für das Neue fast unheimlich das Alte spiegelt. Denn diese avancierte Zitattechnik lässt auch im digitalen Zeitalter noch immer auf Bildung und Privilegien schließen. Es ist eine Musik, die nach einer schönen, äußerst informierten Ortlosigkeit klingt, nach einer Freiheit, die sich vielleicht viele bald nicht mehr leisten können werden.

Animal

Collective: Merriweather Post Pavillon

(Domino). Live am 18. Januar in Berlin, Postbahnhof.

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