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John Cale am Dienstag in der Berliner Passionskirche.

John Cale-Konzert

Cale ist selbst im rosa Jackett noch cool

John Cale spielte in der Passionskirche. Seiner ehernen, ehrlich faltigen und struppig weißhaarigen Coolness konnte dabei noch nicht mal das rosafarbene Jackett etwas anhaben. Das sah auch das begeisterte Publikum so und wurde ausnahmsweise mit einer Zugabe belohnt.

Von Markus Schneider

Wer John Cale ein bisschen kennt, weiß, dass er dem Progrock nicht abhold ist. Wer die aktuelle Popmusik ein wenig verfolgt, dem wird das Revival von progrockigen Ideen nicht entgangen sein. Daher war es eigentlich nicht weiter verwunderlich, dass John Cale, der beständigste Modernist der alten Rockgarde, sein Konzert in der Passionskirche mit dem mehrteiligen „Captain Hook“ von 1979 begann.

Das eher obskure Stück vom nur live im CBGBs aufgeführten Album „Sabotage“ beginnt mit gut sieben mäandernden Instrumentalminuten, gniedlig und rhythmisch nervös verschichtet, bevor nach einem Break mit einigem Effekt Cales kehliger Bariton einsetzt.

Rhythmische Dichten und harmonische Flächen

Schnell wurde klar, dass man an diesem Abend ohne die großen Balladen und eingängigen Pop-Hits, ohne Velvet-Underground-Schlager oder die beliebten Schreiexzesse auskommen musste. Stattdessen konzentrierte sich Cale mit seinem straffen Trio junger Bartträger auf rhythmische Dichte und harmonische Flächen, und seine Gesangsperformance blieb meist so kühl wie die Ansagen sachlich.

Im Zentrum standen dabei die Songs seines neuen Albums „Shifty Adventures in Nookie Wood“ und der dazugehörigen EP „Extra Playful“. Von der stammte mit dem zweiten Stück „Bluetooth Swing“ auch ein Höhepunkt des Konzerts. Als repetitiver und hart motorischer, von ganz prachtvollen Bass und Drums angepeitschter Neo-Krautrock fügte er sich sehr stimmig an den 30 Jahre älteren Einstieg.

Anders als viele gleichaltrige Kollegen erweitert der 70-jährige Cale noch immer neugierig sein Repertoire, statt es nur knorrig zu vertiefen oder auf den Vermächtnischarakter hin zu stricken. Allerdings kann er auch souverän mal eben einen Faden gleichsam aus der Gegenwart in die Geschichte ziehen.

Die älteren Songs des Abends – aus den 70ern zum Beispiel noch ein federndes „Guts“ und „Helen of Troy“ – gehörten nicht zu seinen bekanntesten und konnten auch deswegen gut mit Betonung von Beats und Puls ins aktuelle Konzept geholt werden. So gab es keinerlei Temperaturgefälle zu neuesten Songs wie dem zärtlich verrauschten „December Rain“, dem poppigen „I Wanna Talk 2 U“ oder dem psychedelisch komplexen und verzischelten „Face to the Sky“.

Hüftsteifer Tribut ans Alter

Die meiste Zeit stand Cale hinter ein paar Keyboards, mit deren spielzeuggetönten, quiekenden und quakenden Registern er oft viel Freude hatte, wie umgekehrt sein zotteliger Gitarrist bester Laune mit den sämig hochgepimpten Sounds seiner Robert-Fripp-Gedächtnispedale spielte. Zwischendurch hängte Cale sich E- und Akustik-Gitarren um, wozu er als offenbar einziges Tribut ans Alter ein wenig hüftsteif über die Bühne wackeln muss.

Ansonsten jedoch konnte noch nicht mal das rosafarbene Jackett seiner ehernen, ehrlich faltigen und struppig weißhaarigen Coolness etwas anhaben. Das wiederum sah auch das völlig zu Recht begeisterte Publikum in der völlig zu Recht ausverkauften Kirche so. Und wurde – auf dieser Tour eher ausnahmsweise – mit einer Zugabe belohnt. Wer Cales Humor kennt, musste sich über den fast vierzig Jahre alten Anti-Rock-Boogie von „Dirty Ass Rock’n’Roll“ zum Abschied nicht wundern.

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