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Dave Gahan, Sänger von Depeche Mode. (Aufnahme vom 18.06.17 in Zürich)

Depeche Mode in Frankfurt

Brüllend zu den Sternen

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Depeche Mode steigert sich gewaltig in einen großen Frankfurter Stadionrock-Abend hinein.

Wegen der „überwältigenden Nachfrage“, ließ die britische Musikgruppe Depeche Mode soeben wissen, werde sie auf ihrer „Global Spirit Tour“ zusätzliche Konzerte im Herbst und Winter in Europa spielen. In Frankfurt kommt die Nachricht, sagen wir mal: nicht schlecht an. Da stehen die fünf Musiker am Dienstagabend gerade gemütlich mit mehr als 40.000 Leuten im Waldstadion zusammen. Man wird sich im Lauf der Nacht noch ein wenig bewegen. Und laut wird es auch.

Open-Air-Konzerten zur Sommersonnenwende wohnt dieser spezielle Zauber inne: Die Menschen schwitzen vor, während und nach der musikalischen Darbietung, am Anfang ist es hell wie beim Nachmittagskaffee mit der Großmutter, und am Ende denkst du: Was ist denn hier los? Fliegen wir jetzt mit dieser Riesenschüssel alle brüllend zu den Sternen?

„Going Backwards“ und „So Much Love“, zwei Lieder des gelobten aktuellen Albums „Spirit“ eröffnen den Abend. Die Fans haben intensive Kontrollen hinter sich, niemand darf eine Tasche mit in die Arena bringen, aber die Ordner und die Bierverkäufer sind so umwerfend liebenswürdig, wirklich, man möchte spontan an das Gute auf der Welt glauben und verzeiht auch, dass anfangs praktisch nichts auf der Bühne zu erkennen ist.

Gestochen scharfe Bilder auf der Leinwand

Sänger Dave Gahan lässt sich hören, aber wo ist er? Martin Gore steht mit der Gitarre auf der monumentalen Installation vor der Kurve, in der sonst die Eintracht-Fans feiern, Keyboarder Andrew Fletcher ist zu erahnen, wenn man von schräg rechts schauen muss, die Tourmusiker Christian Eigner (Schlagzeug) und Peter Gordeno (Bass), ja, auch da, wenn man’s weiß. Aber wer singt da und wo?

Nach und nach kommt das Bühnenlicht hinzu, und bald überträgt die Regie auch die Show gestochen scharf auf die Großleinwände oder zeigt das passende Musikvideo, perfekt zur Liveshow synchronisiert. Hat Gitarrist Gore seine Fingernägel schwarz lackiert, wie sich das gehört? Check.

Der Sound muss durch ein paar Täler in den Tiefen, was schade ist, aber dafür klingt das Schlagzeug fantastisch – von der Haupttribüne beurteilt. Pardon, falls es sich in der Gästekurve anders darstellt. Grundproblem in der Gästekurve dürfte ohnehin eher die Optik sein. Was bewegt Musikfreunde, für 83,35 Euro aus 120 Metern Entfernung Videos anzusehen, die den kleinen Mann auf der Bühne zeigen, den sie mit bloßen Augen nicht erkennen können? Es muss die Kraft der Musik sein. Würden sich 40.000 Menschen einen großen englischen Dichter wie, vielleicht, Shakespeare aus 120 Metern für 83,35 Euro antun? Andererseits: Ja, schon. Und wenn man an Mario Barth denkt ...

Apropos Kraft der Musik. Wir können hier in Ruhe miteinander plaudern, weil Depeche Mode in der ersten Konzerthälfte eher locker aufspielt, es ist ja noch taghell, man gibt Zeitgenössisches wie „A Pain That I’m Used To“ (2005) und „Corrupt“ (2009), Nostalgisches wie „In Your Room“ (93) und „World in My Eyes“ (90). Große Liebe für Martin Gore, als er „A Question Of Lust” (86) singt und „Home“ (97) gleich hinterher, lange „Oooohoooo“-Chöre des herzlich zugewandten Publikums, ehe wieder Dave Gahan übernimmt.

Apropos Gahan. „Der kann sich überhaupt nicht bewegen“, sagen Begleiterinnen, die sich mit sowas auskennen, und schauen Gahan dann verliebt weiter zu. Der 55-Jährige tuckt derweil als Schwan von einem Bühnenrand zum anderen, ergeht sich in androgyner Gestik, fasziniert die Massen und sich selbst. Als er 50 war, stand er im populären britischen Q-Magazin auf Platz 73 der großartigsten Sänger und auf Platz 27 der großartigsten Frontmänner. Das legt erstens die Vermutung nahe, dass viele der großartigsten Sänger eher weiter hinten auf der Bühne stehen, wenn überhaupt. Und zweitens ist es ja völlig egal, wie sich ein Mann bewegt oder wo ihn populäre britische Magazine listen – die Hauptsache für den Moment ist doch: 40.000 Menschen finden ihn toll. Und das tun sie eindeutig.

Rock im Waldstadion

Apropos Musikgruppe. Wie soll man Depeche Mode sonst nennen? Rock-, Pop-, Synthie-Pop-, Synthie-Rock-Band? Im Waldstadion rocken die Fünf, ganz klar. „Wrong“ (2009) rockt. Aber als endlich die richtigen Welthits kommen, „Everything Counts“  (83), „Enjoy The Silence“ (90), „Never Let Me Down Again“ (87), da ist der Synthesizer schon ziemlich weit vorn, wenn auch nicht so extrem wie in den ganz frühen Teenie-Jahren, als Depeche Mode zu den Klängen von Kinderspielzeug albern herumhüpfte.

Aus jener Anfangszeit ist live nichts mehr an Bord. Drüber gesprochen wird auch nicht; was Gahan zwischen zweimal Mit-den-Fingern-durchs-nassgeschwitze-Haupthaar-Fahren sagt, beschränkt sich auf „Well allright!“, „Frankfurt!“ und „Thank you very much“. Bei all der gegenseitigen Liebe trennt doch eine unsichtbare, ganz feine Membran die Band von der Welt, auch das eine treffende Feststellung von membranenfühligen Begleiterinnen. Jubel und Ekstase sind dennoch enorm, und am Ende erscheinen sogar Riesentiere auf der Bühne (Hund, Hase, Kuh).

Mehr Depeche Mode dürfte also willkommen sein. Morgen spielt die Band im Berliner Olympiastadion,  ab 24. November kommt sie wieder auf Tournee unter deutsche Dächer, Start in der Frankfurter Festhalle. Der Vorverkauf beginnt am 23. Juni.

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