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So einfach ist es nicht, dass Bruce Springsteen nur ein Arbeiter des Rock ist.

Bruce Springsteen

Bruce Springsteen ist der Boss, er ruft die Geigen

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Bruce Springsteens zunächst verblüffendes, einem dann ans Herz wachsendes Album „Western Stars“.

Man traut seinen Ohren nicht, jedenfalls nicht ganz. Keine rauen Gitarrenattacken, dafür anbrandende Streicher. Und hier und da melancholisches Wahwahwah einer Hawaiigitarre. Kein gurgelnder Reißzwecken-Gesang, auch nicht für wenige Momente. Und die Mehrzahl der Melodien ist eine unverblümte Einladung zum Mitsummen. Bruce Springsteen hat sein bereits 19. Studioalbum vorgelegt, es heißt – doppeldeutig, wie sich aus dem Text des Titeltracks interpretieren lässt – „Western Stars“ und erlaubt sich eine verblüffende Menge Schönklang. Beim ersten Hören, ziemlich laut aufgedreht (weil auf einer Autobahnfahrt im Fall der Rezensentin), klingt es auch heiterer, heller als die meisten anderen Alben des Musikers, der in seiner Autobiographie „Born to Run“, erschienen 2016, erstmals von seinen Depressionen erzählte. Bei mehrmaligem Hören dunkelt „Western Stars“ freilich nach.

Man spürt das leichte Befremden vieler Kritiker in diesen Tagen, man fremdelt ja selbst ein bisschen mit diesem unerwarteten Springsteen (ehe man sich, zugegeben, von ihm einwickeln lässt). Allerdings hat der (körperlich) kleine Mann, obwohl er seit Jahrzehnten The Boss ist, schon immer auch dazu verführt, ihn zu unterschätzen. Und ihn festzulegen auf das Image des Kumpels, ehrlichen Arbeiters, Geradeausrockers mit den Stadionkrachern, der schwitzt und schuftet, dreistundenlang, der keine Berührungsängste zeigt, ins Publikum rennt und sich mit einem feinen Lächeln auch mal anfassen lässt.

Bruce Springsteen: Western Stars

Und nun also „Western Stars“, 51 Minuten lang, 13 Tracks, bei den meisten denkt man: Er wird doch wohl in Zukunft, mit dann 70 Jahren, nicht vor einem Sinfonieorchester stehend auftreten. Unwahrscheinlich. Erschienen ist das Album mit dem Bild eines temperamentvollen Pferdes auf dem Cover übrigens am gleichen Tag wie Madonnas „Madame X“. Und während sich die Diva zur glamourösen Agentin stilisiert, sitzt ein unscharfer Springsteen mit müden Blick in einem grauen Straßenkreuzer, hinter sich eine kakteendürre Landschaft.

Der Boss erzählt immer noch von den Losern, er tut es wundersamerweise immer noch glaubwürdig, als gehöre er dazu. Er erzählt vom Anhalter, der sich die Stories der Fahrer anhören muss („Hitch Hikin’“). Vom Mann, der sich vor einem verfallenen Motel betrinkt, in dem er jung und mit seiner Liebsten war („Moonlight Motel“). Vom trotzigen alten Stuntman, an allen möglichen Stellen zusammengeschraubt. Und im Titelsong vom viertklassigen Schauspieler, der mal von John Wayne erschossen wurde und sich daraufhin den Suff leisten konnte: „That one scene’s bought me a thousand drinks“.

Sonne, nun darfst du gern ein bisschen bleiben

„Western Stars“ ist auch ein Roadmovie. Die Sprecher dieser Songs sind rastlos unterwegs, man glaubt allerdings nicht, dass es zu besseren, grüneren Ufern ist. Abgesehen vielleicht von dem Ort des zauberhaften, leichtfüßigen „Hello Sunshine“. Darin bittet der Ich-Erzähler den Sonnenschein, ein wenig zu bleiben: „I had a little sweet spot for the rain“, singt Springsteen, ich hatte mal eine kleine Schwäche für den Regen, den Regen und die grauen Himmel, die einsame Stadt, die leere Straße. Jetzt darf die Sonne gern bleiben (aber ob sie es tut?).

Es ist kein politisches Album geworden, wie manche wohl hofften, da Springsteen in der öffentlichen Wahrnehmung fast zwangsläufig zu einem Antipoden Trumps wurde. Er setzt ihm aber auch mit „Western Stars“ ein anderes Amerika entgegen, ein stilles, anständiges, menschenfreundlicheres, sicher auch teilweise vergangenes. Es ist sein Talent, einfühlsam von jenen zu erzählen, denen Trump „Loser!“ entgegenschreien würde. Auch besitzt er eine offenbar naturgegebene Präsenz, die das Spektakel und Twittern nicht braucht.

Seine One-Man-Show vergangenes Jahr am Broadway war nicht nur 236 Mal ausverkauft, sie wurde auch „historisch“ genannt und ob ihrer (Überzeugungs-)Kraft bestaunt. Aber da hat ja nur einer, wie er es seit Jahrzehnten tut, gesagt und gesungen, was Sache ist. Und das, was Sache ist, wiederum wickelt er in mal fetzige, dringliche, mal in melancholische, still bezirzende Klänge. Im neuen Album hat er sich fürs ans Herz Gehende und für einige Pracht entschieden. Und, ehrlich gesagt, warum auch nicht? Er ist der Boss.

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