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Bruce Springsteen „Only the Strong Survive“: Drehen wir die Zeiger ein Stück zurück

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Von: Sylvia Staude

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Bruce Springsteen. Foto: Sony Music
Bruce Springsteen. Foto: Sony Music © Sony Music

Auf „Only the Strong Survive“ covert Bruce Springsteen alten Soul.

Erst einmal zuvor hat Bruce Springsteen ein Album herausgebracht, das keine eigenen Songs enthält: Als 2006 „We Shall Overcome: The Seeger Sessions“ erschien, war dies die herzliche Würdigung eines Singer-Songwriters, der – anders als Bob Dylan übrigens – mit seiner Musik ein Leben lang auch, vielleicht sogar vor allem politischer Aktivist sein wollte. Friedensbewegt, stets für Arbeiter- und Bürgerrechte kämpfend, hatte Pete Seeger (1919-2014) außerdem das absolute Gespür für Lieder. So fügte er dem von einem Pfarrer erdachten Gospel „We Will Overcome Some Day“ Strophen hinzu, änderte den Anfang zum besser von der Zunge gleitenden „We Shall Overcome“, verhalf dem Lied zu einem weltweiten Siegeszug als Hymne der Hoffnung. Er bediente sich bei Traditionals, Lieder von ihm wurden wiederum Allgemeingut und es störte ihn nicht.

Ähnliches wäre heute nicht mehr möglich, da jahrelange Copyright-Prozesse sogar um sekundenkurze Musikschnipsel geführt werden. Und der Vorwurf kultureller Aneignung würde den weißen Seeger schneller ereilen, als er „Guantanamera“ buchstabieren könnte.

Hier sind wir nun bei Bruce Springsteen und seinem 21. Studioalbum „Only the Strong Survive“, das ausschließlich Cover-Versionen enthält von Soul- und R&B-Titeln, die weit überwiegend von schwarzen Sängerinnen und Sängern bekannt gemacht wurden (dies ist in den liner notes zum Album penibel aufgeführt). Aber es steht wohl nicht infrage, dass Springsteen die Liebe zu einer der prägenden Musiken seiner Jugend zu diesen Aufnahmen bewogen hat – und er steht längst über allem Gemecker. Wenn einer mit einem solchen Album nichts beweisen muss, wenn einer nicht nachweisen muss, dass er kein Rassist ist, dann Springsteen. Vom ersten Jahr der E Street Band an, 1972, war der 2011 gestorbene Saxophonist Clarence Clemons als bestimmende Kraft dabei, war später nicht mehr wegzudenken von Springsteens Seite.

Elf der Titel von „Only the Strong Survive“ (ein Song von Jerry Butler, Kenneth Gamble, Leon Huff) stammen aus den 60er Jahren, einer aus den 70ern, zwei wurden in den 80ern geschrieben. Und einer kam im Jahr 2000 heraus, formuliert aber offenbar so perfekt Springsteens Anliegen, dass „Soul Days“, geschrieben von Jonnie Barnett (1945-2002), auf diesem Album einfach gewürdigt werden musste: Es sind in den lyrics die „sweet soul songs“, die den Sprecher zurückversetzen in eine Zeit des Spazierenfahrens mit dem Chevy, „baby in my arms“, dazu das Gefühl, man sei James Dean. Große Namen fallen am Ende dieses Songs – Wilson Pickett, Joe Tex, Aretha (Franklin), Ray Charles, Sam & Dave – und Sam Moore vom Soul-Duo Sam & Dave (Prater) ist als Gast dabei und stimmt ein.

Im Vorfeld von „Only the Strong Survive“ hat Bruce Springsteen die Bedeutung des Albums und seiner Auswahl von Soul-Songs gleichsam abmoderiert, indem er erzählte, er habe einfach nur singen wollen. Ein Album lang aus vollem Herzen – was er dann auch tut. Fast ist es eine Zwei-Mann-Unternehmung geworden (ohne so zu klingen), denn Produzent Ron Aniello hat außer den Blasinstrumenten sämtliche eingespielt, nur die E Street Horns tragen einiges bei, dazu verantwortet Rob Mathes die Streicher-Arrangements.

Das ALbum:

Bruce Springsteen: Only the Strong Survive. Sony Music.

Ohne ein paar Background-Sängerinnen und -Sänger aber ging es nicht, beim Titel-Track setzen sie mit Verve den Ton. Aber dann erhebt sich über allem, über einer nie schmalspurig klingenden Saftigkeit, einem Polster aus Klängen, Springsteens Stimme. Es ist die eines über 70-Jährigen, aber man merkt es ihr nicht an. Als Bob Dylan 2015 ein Album mit Sinatra-Covern herausbrachte, „Shadows In the Night“, soll er gesagt haben: Sinatra „ist der Berg, den du ersteigen musst, auch wenn du nur einen Teil der Strecke schaffst“. Springsteen würde wahrscheinlich eher von einem Ausflug sprechen, dorthin, wo er sich ausprobieren und Spaß haben konnte – oder besser: Freude. Man spürt den Aufnahmen diese Freude an, spürt das Engagement für jeden Song, das nichts weniger als hingebungsvoll und soulful, seelenvoll ist.

Es sind dies sicherlich Songs, bei denen Springsteen sich erinnern kann an Jugend, erste Verliebtheit, Liebeskummer. (So wie die jüngere Rezensentin sich erinnert an Feten in Partykellern, an Provinz-Discos, in denen einige diese Songs regelmäßig liefen, zu denen man abhotten oder eng tanzen konnte.) Ist es also pure Nostalgie, dieses Album? Oder nicht doch auch ein politisches Statement, indem es das Erbe und den Einfluss schwarzer Musik feiert, nicht zuletzt auf Springsteen selbst?

Dies schon auch. Allerdings umfasst Springsteens Auswahl keine politischen, vielmehr weit überwiegend Liebes-Lieder; die in wehmütiger Soul-Manier davon erzählen, wie der Sprecher es versemmelt hat, wie er sein Mädchen gehen ließ und nun seinen Kumpel wegschicken muss, „or you could see a grown man cry“ („Any Other Way“ von William Bell). Oder wie er sich wünscht, er könne die Zeit zurückdrehen, seinen Fehler wiedergutmachen („Turn Back the Hands Of Time“, Jack Daniels, Bonnie Thompson).

Es ist ein geradliniges, gut gelauntes Album. Mit einem herrlichen kleinen, selbstironischen Lachen in „Soul Days“. Man sollte es laut hören, hier und da mithüpfend hören, sich hier und da eine Erinnerung gönnen, mag sie auch ein wenig verklärt sein. „Only the Strong Survive“ ist nicht als großes Album gemeint, aber es kann in Wintertagen wärmen.

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