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Während es schneit: Bruce Springsteen bringt ein neues Album heraus und wartet darauf, dass er wieder auf Tour gehen kann.

Bruce Springsteen

Auf dass die Ohren klingeln!

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Bruce Springsteen zieht eine souveräne Bilanz mit seinem neuen Album „Letter to You“.

Gänzlich vertraut ist die Handschrift, sobald man diesen Brief öffnet, der an jede und an jeden adressiert ist: Die angeraute Stimme, der Gitarrenteppich, an keiner Stelle durchscheinend, das Schlagzeug, das keinen Anlauf braucht, das Druck macht, hier und da ein aufbrausendes Saxofon, aufschäumende Keyboards, der trotz aller Wucht und Üppigkeit fein abgestimmte wall of sound. Bruce Springsteen hat schon manches gemacht, das einsam-fahle „Nebraska“, die rustikalen „Seeger Sessions“, zuletzt das auf Geigen gebettete „Western Stars“. Jetzt, mit seinem 20. Studioalbum „Letter To You“ ist er, nein, eben nicht zurückgekehrt zum E Street-Rock, denn er war ja nie weg. Wenige Musiker gibt es, die so bei sich bleiben, von Platte zu Platte.

Und an seiner Seite diesmal wieder die E Street Band mit Roy Bittan, Jake Clemons, Charlie Giordano, Nils Lofgren, Patti Scialfa, Garry Tallent, Stevie Van Zandt, Schlagzeuger Max Weinberg. Live und in nur fünf Tagen wurde „Letter To You“ eingespielt; doch man merkt es nicht, jedes Steinchen sitzt wie angegossen im Klangmosaik.

Draußen im Land, so singt es Springsteen hier, so beschwört er es geradezu, sind alle musizierenden Brüder und Schwestern dabei, sie rotten sich zusammen mit ihren Gitarren, sie lassen es bratzen und leuchten im Song „House of a Thousand Guitars“: Das Lied ist ein Aufruf zum musikalischen Widerstand, ein Aufruf zu Überschwang und Freude, bis die Wände wackeln und der Himmel sich öffnet. Eine Zeile über den „kriminellen Clown“, der den Thron gestohlen hat, konnte sich Springsteen zwar nicht verkneifen – aber schon ist T. wieder vergessen, dafür wippt der Fuß und kann nicht aufhören.

„Letter To You“ ist kein politisches Album. Zwar hat Springsteen immer ausreichend klar gemacht, wo er politisch steht, aber die Musik ist ihm zu wichtig, als dass er sie nur als Vehikel für eine Botschaft nutzen würde. Über die Jahre hat er ohne Rebellenattitüde die vertreten, von denen womöglich auch viele zuletzt Trump gewählt haben, immer wieder ist er in seinen Songs in den Blaumann und in Underdog-Rollen geschlüpft, wurde dafür bespöttelt (Motto: guckt euch den Millionär an) – aber man kann das auch Empathie nennen. Jetzt hat er im Song „Rainmaker“ Verständnis für die, die dem Regenmacher auf den Leim gehen, denn ihre Felder vertrocknen und ihre Hütte brennt. „Sometimes folks need to believe in something so bad, so bad, so bad /They’ll hire a rainmaker“.

Das Album:

Bruce Springsteen. Letter To You. Sony Music.

Drei Songs dieses nicht spektakulären, aber souveränen Albums hat Bruce Springsteen bereits Anfang der Siebziger geschrieben und jetzt ohne große Geste eingefügt. Sie lassen in manchen Momenten an Bob Dylan denken, den oft so rätselvollen Erzähler, denn auch Springsteens dichte (und hier besonders umfangreiche) Lyrics packen die Realität in starke Bilder, ob es in „Song for Orphans“ die „aging junkie sheep“ sind, die „alternden Junkie-Schafe“, oder die Hoffnungsvollen, die es in Hollywood schaffen wollen und am Ende nur auf staubigen „Arizona-Böen reiten“, durch die „lange und schlaksige Nacht“. Dann packt Springsteen die Mundharmonika dazu, die Wehmut und den Country, aber dies ist keine sepiafarbene, heilere Welt, denn schon in den 70ern schrieb er doppeldeutig: „The lost souls search for saviors /But saviors don’t last long“ – Retter machen es nicht lang.

Zwischen dem 3. Oktober 2017 und dem 15. Dezember 2018 hat Springsteen sich im New Yorker Walter Kerr Theatre fünfmal die Woche allein auf die Bühne gestellt (nur seine Frau Patti Scialfa kam immer wieder dazu), hat sich an Gitarre oder Klavier begleitet, gesungen, aus seinem Leben erzählt. Die Schlichtheit, gleichzeitig Ausstrahlung seiner Auftritte muss überwältigend gewesen sein, und vielleicht ist das ja das Geheimnis seines jahrzehntelangen Erfolgs: Dass er es irgendwie geschafft hat, ein Superstar zu sein, ohne wie einer zu wirken.

Es ist ihm ernst mit seinen Songs, seiner Musik. Aber er nimmt sich selbst nicht allzu ernst. Gewiss mit einem Augenzwinkern hat der 71-Jährige nun auch den großmäuligen verliebten Bruce hineingenommen – „Janey Needs a Shooter“, ein ganz früher Song –, hat sich wieder in den Ich-Erzähler versetzt, der Janey vor dem groben Doktor, dem Priester, dem Cop schützen will. Sie braucht schließlich einen Mann, der sie versteht, „who knows her style“. Man sieht ihn vor sich, den etwas rotzigen jungen Mann, und glaubt zu verstehen, auf was genau sich das Angebot und die angebliche „Stil“-Kenntnis beziehen.

Es ist, als verbeuge sich Springsteen, ein wenig ironisch, auf diesem Album vor seinem jungen Ich. Wie er sich (in „House of a Thousand Guitars“, in „Ghosts“) auch vor jenen seiner Mitmusiker verbeugt, die inzwischen gestorben sind, darunter der langjährige Saxofonist der Band, Clarence Clemons. Ohne Larmoyanz sieht Springsteen sich in einem anderen Song übers Musikmachen als „Last Man Standing“, als Ausdauerrocker, der sich direkt ins Herz der Menge versetzen, der emporgehoben werden möchte an einen Ort „high and hard and loud“. Und wenn er dann nach Hause geht, klingeln ihm die Ohren.

Das Album beginnt mit „One Minute You’re Here“ leise und mit Bezügen zu dem zauberhaft-melancholischen Song „Magic“ vom gleichnamigen 2007er-Album. Es ist, als blicke Bruce Springsteen erstmal über die Schulter zurück – um sich dann aber nach vorne zu wenden, einer Zukunft zuzuwenden, die hoffentlich „high and hard and loud“ ist. Denn keineswegs will er sich bald zurückziehen von der Bühne, im Gegenteil wartet er nur darauf, nach der Pandemie mit der E Street Band losziehen zu können. Inzwischen streamen wir oder legen „Letter To You“ ein und rocken Zuhause ab, gemeinsam im Geiste.

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