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Bruce Liu: Der Pianist als Zeichner

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Von: Judith von Sternburg

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Bruce Liu im Rheingau. Foto: Ansgar Klostermann/RMF
Bruce Liu im Rheingau. Foto: Ansgar Klostermann/RMF © Ansgar Klostermann/RMF

Bruce Liu, Gewinner des Chopin-Wettbewerbs 2021, stellt sich beim Rheingau Musik Festival vor.

Das dürfte der Auftritt eines künftigen Stars sein, aber er lässt es sich nicht anmerken, kommt herein, lächelt flugs ins Publikum und braucht keine absolute Ruhe, um mit dem Spielen zu beginnen. Vielleicht ist ihm klar, dass es dann schon ruhig werden wird, so ist es auch. Er spielt sehr gut, sehr reif und abgeklärt, lieber weich als hart, aber das scheint hier eher die Voraussetzung für eine immense Präzision zu sein. Er hat Tastenlöwennummern im Programm, und der künftige Star ist ohnehin und begreiflicherweise daran interessiert, sein tiefgreifendes Virtuosentum mit hohen Schwierigkeitsgraden auch amtlich unter Beweis zu stellen. Seine Haltung aber: perfektes Understatement.

Das Rheingau Musik Festival zeigte sich rabenstolz darüber, Bruce Liu vom Fleck weg engagiert zu haben, nachdem er im Oktober 2021 in einem engen, dann aber doch eindeutig entschiedenen Rennen den internationalen Chopin-Wettbewerb gewonnen hatte. Liu, der im Mai 25 Jahre alt geworden ist, hatte da noch keinen Agenten (inzwischen hat er einen), man musste sich praktisch bis zu ihm selbst, einem in Paris geborenen Kanadier mit chinesischen Wurzeln, durchtelefonieren, was offenbar nach einigen Mühen gelang.

Im Konzertkubus von Schloss Johannisberg gab Bruce Liu jetzt sein überhaupt erst zweites Deutschland-Konzert. Merken wir uns den Namen, eine Eselsbrücke gibt es ja schon, aber keine dummen Witze, bitte. Ein technisch anspruchsvolles Programm also, zugleich eines, das die visuelle Vorstellungskraft locken will und kann, aber eben diesmal nicht mit den „Bildern einer Ausstellung“, sondern viel origineller. Am Anfang einige „Pièces de clavecin“ von Jean-Philippe Rameau, über die im Programmheft zu lernen war, dass mit solchen Stückchen via Titel und musikalischem Verlauf Charaktertypen beschrieben werden konnten. Das Publikum riet dann gemütlich, an wen der Komponist wohl gedacht hatte. Vermutlich hoffte man, nicht selbst die Henne zu sein, oder zu den zarten Nörglern oder den Wilden zu gehören. Im in dieser Hinsicht angenehm unverbindlichen bürgerlichen Konzertgeschehen von heute frappierte eher, wie Bruce Liu das Geschehen vom Cembalo auf das Klavier übertrug, das eigentlich viel weniger Noten braucht, um in Wallung zu geraten. So trillerte und sauste es zum Teil enorm, aber doch glänzend kontrolliert, und war dabei sehr sanglich. Es ist sicher auf andere Weise wunderbar, wenn Bruce Liu Bach spielt. Vielleicht beim nächsten Mal.

Der Pianist diesmal aber weiterhin als Maler und Zeichner: Frédéric Chopins Variationen auf die Arie „Là ci darem la mano“ aus Mozarts „Don Giovanni“ sind eine Fantasterei, die die Erinnerung an die Improvisationskunst noch in sich trägt. Wenn der Virtuose aus dem süßen Gerüst der Melodie ausbricht, dann ist es, als wüchsen einem Trickfilmsuperhelden plötzlich monströs lange und starke Arme. Reizvoll, nachher noch Franz Liszts Fantasie „Réminiscences de Don Juan“ zu hören, in Liszts und Lius Betonung einer bei Mozart doch eher sekundären heldischen Seite das gerade in seiner Wucht schwächelnde Werk. Erstaunlich auch, wie banal die „Champagnerarie“ wirkt, wenn nicht ein viriler Bariton sie in einem Guss raushaut.

Zwischen den Don Giovannis Maurice Ravels „Miroirs“, Spiegelbilder, in denen der Pianist sich auch selbst in der Musik spiegeln und in seinem ganzen Feinsinn, seiner Introvertiertheit und unpompösen Brillanz zeigen konnte.

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