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Bronzefarbener Brahms

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Claire Huangci spielt Brahms, wie man sieht.
Claire Huangci spielt Brahms, wie man sieht. © Ansgar Klostermann / Rheingau Musik Festival

Die amerikanisch-chinesische Pianistin Claire Huangci mit großartigen Farbtönen beim Rheingau Musik Festival.

Von Stefan Schickhaus

Ein Déjà-vu: Vor drei Jahren wurde an dieser Stelle vom Konzert einer damals 26-jährigen chinesischen Pianistin namens Yuja Wang berichtet, die beim Rheingau Musik Festival auf Schloss Johannisberg aufgetreten war, und zwar in einem auffälligen, weil auffällig knappen Kleid. Jetzt spielte am gleichen Ort beim gleichen Festival eine wieder 26-Jährige, chinesischstämmig, sie heißt Claire Huangci, das zumindest ist ihr Künstlername. Und wieder geht es um das Kleid, wenn auch diesmal deutlich mittelbarer.

Denn den ersten Konzertteil absolvierte die junge Pianistin in schwarzer Hose und weißer Bluse, was gut zu ihrem klaren, ohne jede Manieriertheit auskommenden Spiel passte – Beethovens Sonate op. 109 und Chopins „Andante spianato et Grande Polonaise brillante“ standen auf dem Programm dieser Hälfte. Nüchtern brillant war ihr Spiel, der Chopin ausgeprägt non-legato und mit wenig Rubato, fast wie man es von Mauricio Pollini kennt. Das war gut, doch es kam noch besser. Denn in der Pause kleidete sie sich um, was bei klassischen Sängerinnen nicht unüblich ist, bei Pianistinnen allerdings schon, sich doch hier mehr funktional als schmückend auswirkte – wobei das neue Kleid ausgezeichnet saß, keine Frage. Das Kleid war nun bronzefarben, für Brahms ein guter Farbton.

Und justament, man rieb sich die Augen, wurde Claire Huangcis Interpretation farbig, warm, rund. Der Scherzo-Satz der f-Moll-Sonate hatte herben Charakter, das Intermezzo zeugte von intensiver Gestaltungskraft. Mit der Bronze kamen zwar auch ein paar falsche Töne ins Spiel, doch das störte nicht. Alleine schon der Pedalgebrauch: Bei Beethoven und Chopin war er geräuschhaft hart, bei Brahms fließend organisch. Da klapperte nichts mehr.

Hört man, was man sieht?

Oder war das alles eine bewusste Manipulation der Pianistin, weil man das zu hören glaubt, was das Auge einem suggeriert? Am 7. Oktober lässt sich das überprüfen: Um 20.05 Uhr wird das vom Hessischen Rundfunk aufgezeichnete Konzert auf hr2 gesendet. Da wird man dann hören, ob Claire Huangci alleine mit ihren Fingern zwischen Schwarzweiß und leuchtender Bronze umschalten kann.

Dass die 1990 im US-Bundesstaat New York als Tochter chinesischer Wissenschaftler geborene Pianistin sich gerne mal neu erfindet, hat sie auch in der Namenswahl gezeigt. Den ersten Preis beim Europäischen Chopin Klavierwettbewerb in Darmstadt 2009 und den zweiten beim ARD-Wettbewerb 2011 in München erspielte sie sich noch als Tori Huang. Daraus machte sie im Jahr 2013 das weniger burschikos klingende Claire Huangci. „Huang“ übrigens heißt „gelb“. Und das ist schließlich keine ihrer Spielfarben.

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