Die Royal Albert Hall, in normalen Jahren gut gefüllt.
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Die Royal Albert Hall, in normalen Jahren gut gefüllt.

Großbritannien

Corona-Krise löst Streit über „Last Night of the Proms“ aus

  • Sebastian Borger
    vonSebastian Borger
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Die in Großbritannien beliebte Musik-Show „Last Night of the Proms“ steht wegen Corona auf der Kippe. Manche sehen darin auch eine Chance auf Veränderung.

  • Die „Last Night of the Proms“ ist in Großbritannien eine Institution
  • In England ist in der Corona-Krise eine Diskussion um die Veranstaltung entfacht
  • Die Corona-Krise soll eine Chance auf eine Erneuerung sein

Stellt die Corona-Pandemie eine Chance dar, alte Zöpfe abzuschneiden? Oder sollte die Gesellschaft angesichts vielfältiger Unsicherheiten an alten Traditionen festhalten? Diese Frage erörtern Liebhaber kultureller Spektakel auf der Insel anhand der „Last Night of the Proms“, jener unvergleichlich britischen Mischung aus klassischer Musik, Humor und Schmalz, die Millionen von Fans Jahr für Jahr genießen.

Covid-19 macht Großbritannien

In normalen Jahren füllen bis zu 5272 Musikfans die imposante, zu Ehren des 1861 verstorbenen Prinzgemahls von Königin Victoria benannte Royal Albert Hall in London. Covid-19 aber hat dem geplanten Programm mit mehr als 60 BBC-Promenadekonzerten den Garaus gemacht, gesendet in Radio und TV werden seit Wochen nur Konserven, auch bei der live musizierten Last Night am 12. September wird der gewaltige Konzertsaal weitgehend leer bleiben.

Ob das nicht eine Chance sei für Veränderungen am seit Jahrzehnten festgeklopften Programm, finden nun einige der Organisatoren, angeführt offenbar von der Gastdirigentin des BBC Symphony Orchestra, der jungen Finnin Dalia Stasevska, die in diesem Jahr das letzte Konzert des Festivals leitet. Die Kontroverse entzündet sich am Text von „Rule Britannia“ und „Land of Hope and Glory“, wo ein johlendes Publikum die glorreiche Vergangenheit beschwört. Das sei doch in Zeiten der „Black lives matter“-Bewegung und zunehmender Beschäftigung mit den Schattenseiten des britischen Empire nicht mehr zeitgemäß, glauben die Neuerer.

„Rule Britannia“: Patriotische Töne mitten in der Corona-Krise

Der Musikkritiker Norman Lebrecht, Autor des Blogs „Slippedisc“ zeigt sich begeistert über den Streit, denn: „Auf diese Weise wissen die Leute wenigstens, dass die Proms auch diesmal stattfinden.“ Ändern aber will er am Ablauf nichts, schließlich handele es sich bei „Rule Britannia“ um einen „Moment der Einigkeit“. Kritiker wiederum nehmen Anstoß am patriotisch-nationalistischen Ton und der Textzeile „Britons never shall be slaves“, Briten werden niemals Sklaven sein.

Briten, wohlgemerkt – „das heißt doch, für andere ist es schon okay, Sklaven zu sein, nur nicht für uns“, so Chi-chi Nwanoku, bekannte Kontrabassistin und Leiterin des Orchesters Chineke!, das sich die Förderung nicht-weißer Musiker zur Aufgabe gemacht hat. „Der Text ist eine Beleidigung.“ Ähnlich beurteilt Wasfi Kani, deren Eltern nach der Teilung Indiens auf die Insel kamen, ein anderes Lied, das zum Standardrepertoire der Last Night gehört: „Land of Hope and Glory“, Text zu einem Marsch des romantischen Komponisten Edward Elgar (1857-1934). „Großbritannien hat Indien vergewaltigt, das wird in diesem Lied gefeiert“, sagt die Leiterin der Grange Park Opera.

Das Publikum wartet nun auf die Entscheidung des Organisationskomitees. Womöglich ziehen sich die Verantwortlichen mit Verweis auf Covid-19 aus der Affäre. Statt 80 Instrumentalisten und mehr als 100 Sänger dürfen diesmal wohl nur 40 Musiker und 20 Sänger auf die Bühne – zu wenig für den Bombast der Empire-Schlager.

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