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„Bridges“ im Gallustheater: Der freie Umgang mit der Tradition

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Von: Stefan Michalzik

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Start für die „Tage des Exils“ mit dem Turnalar Quintett und dem Oriental Jazz Quartett

Es geht hier natürlich auch um eine symbolische Manifestation. Ein Miteinander ist möglich, der Austausch ist stimulierend, wir können gewinnen dabei: Das ist die demonstrative Botschaft der vor sechs Jahren gegründeten Frankfurter Initiative „Bridges – Musik verbindet“. Musikerinnen und Musiker mit und ohne einen Hintergrund von Flucht und Migration treffen hier zusammen. Zum Saisonbeginn im Gallustheater und eingebunden in die Tage des Exils sind beim „Bridges-Festival der Diversität“ vier transkulturelle Ensembles in zwei Doppelkonzerten an einem Tag aufgetreten.

Symbol der Grenzenlosigkeit

Liebe und Sehnsucht, das ist ein Motiv in praktisch jeder volksmusikalischen Tradition der Welt, es taucht immer wieder auf in den Liedern im Repertoire des Turnalar Quintett. Die Lieder stammen aus der Türkei – Turnalar bedeutet im Türkischen Kranich und ist ein Symbol der Grenzenlosigkeit –, aus dem Iran und vom Balkan, aus der am Nil gelegenen Region Nubien und aus dem Kurdischen. Auch den ostjüdischen Klezmer, ohnedies eine Musik der kulturellen Vermischung, greift das Quintett auf in seiner west-östlichen Besetzung mit der Sängerin Filiz Tufan; Julia Kitzinger, Klarinette und Bassklarinette; Salim Salari an der Langhalslaute Tar; Anka Hirsch an Cello und Akkordeon sowie mitunter Gesang; Reza Rostami an der Rahmentrommel Daf und der Kelchtrommel Tombak.

Im Repertoire finden sich auch einige eigene Kompositionen Anka Hirschs, zu einer davon werden Texte von Nazim Hikmet und Hilde Domin rezitiert, die beide zeitweilig ins Exil gedrängt worden waren. Zentral ist zumeist der melismenreiche Gesang von Filiz Tufan. Die Lieder, von der Sehnsuchtsballade bis zur munter-unbeschwerten Volksweise, präsentieren sich in einem eher zeitlosen als explizit zeitgenössischen Zusammenhang.

Frei der Umgang mit der Tradition erst recht beim Oriental Jazz Quartett, dem zweiten Ensemble im „Bridges“-Abendkonzert. Die metrisch-rhythmischen Strukturen von Musikkulturen aus dem Nahen und dem Mittleren Osten treffen in einer Fusion mit dem Groove des Jazz zusammen. Neben dem spirituellen Sopransaxofonspiel Peter Klohmanns lotet die von der Insel Kreta stammende Spielerin der Zither Kanun, Eleanna Pitsikaki, das Potenzial ihres Instruments in einem Transfer der ja auch in den volksmusikalischen Traditionen verbreiteten Praxis der Improvisation auf den Jazz aus, mit einem irisierenden Resultat. Mirweis Neda zeigt Seiten der Tabla-Trommeln jenseits des im Westen verbreiteten Klischees vom perkussionistischen Leistungssport auf; dem elektrischen Bass von Eduardo Sabella kommt eine vermittelnde Funktion zu. Da geht es nicht um einen Jazz mit exotischem Flair, sondern um eine ungezwungene Begegnung in gleichem Rang.

„Identigration“ hat das Bridges-Kammerorchester, das an diesem Samstag nicht auftrat, sein erstes Album genannt, das im vergangenen Jahr erschien und mit dem angesehenen Preis der Deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet wurde. Eine aussagekräftige Prägung für ein Bewahren von Identität im Mit- und Nebeneinander.

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