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Brian Eno: „Foreverandevernomore“ – Über einem Meer des Wohlklangs düstere Wolken

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Von: Stefan Michalzik

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Brian Eno. Foto: Cecily Eno
Brian Eno. Foto: Cecily Eno © Cecily Eno

Brian Eno und sein melancholisches Album „Foreverandevernomore“.

Ein Zug von Melancholie lässt sich in die Ambient-Texturen des Genre-Pioniers Brian Eno hineindeuten – so explizit aber wie auf „Foreverandevernomore“ hat sie sich noch nie präsentiert. Das liegt nicht zuletzt am Auftauchen der Gesangsstimme, zum ersten Mal seit „Another Day On Earth“ von 2005.

Den größten Teil der Diskografie des heute 74-Jährigen besteht aus Instrumentalalben, von „Discreet Music“ (1975) und „Ambient 1 – Music for Airports“ (1978) bis zu „Reflection“ (2017). „Discreet Music“ ließ sich noch unter „Synthiemusik“ einordnen, mit „Music for Airports“ legte der Brite den Grundstein für das neue, von Reduktion geprägte Genre Ambient, das später, in den 90er Jahren, von Produzentenmusikern wie Aphex Twin als kontemplativer Antipode zum Techno weiterentwickelt wurde. Enos Musik, die entfernt an Erik Satie und dessen Musique d’ameublement anknüpfte, beanspruchte nichts anderes als einfach da zu sein im Raum.

Handelt es sich bei „Foreverandevernomore“ nun tatsächlich um ein veritables Songalbum? Nicht nach konventionellen Maßstäben, auch wenn es sich bei acht der zehn Nummern um Songs handelt, allein schon der Texte wegen. Musikalisch vermitteln sie Atmosphären und Stimmungen. Man könnte eine Version veröffentlichen, in der die Stimme eliminiert wäre. Über einem Meer des Wohlklangs schweben düstere Wolken, denn „Foreverandevernomore“ ist motiviert durch das Dystopische als Zeichen dieser Zeit.

Wenn der erste Song anhebt, „Who Gives a Thought“, ist man gleich wieder mittendrin in der Klangwelt von Brian Eno mit ihren beatfreien Synthieflächen. Beinahe schon wirkt es überraschend, wenn die melancholische, mit den Jahren tiefer gewordene Gesangsstimme einsetzt. Wie sie sich heute darstellt, hätte sie bestens in den Synthiepop der 80er Jahre gepasst. In dem Instrumental „Inclusion“ taucht ein fragmenthafter Lauf auf der Violine auf, „Sherry“ ist vom Klavier mitgeprägt. „These Small Noises“, mit der Irin Clodagh Simon als Gast, ist gar ein halbes Klavierlied.

Das Album

Brian Eno: Foreverandevernomore. Deutsche Grammophon/Universal.

In zwei Nummern wird eine Frauenstimme im Hintergrund so stark verfremdet, dass sie beinahe wie ein Instrument klingt. In „I’m Hardly Me“ mutet jene von Enos Tochter Darla wie die Synthesizerversion eines Sopransaxofons an; in „Making Gardens Out Of Silence“, im Prinzip einem weiteren Instrumental, zeichnet sich nur schemenhaft ab, dass hier Worte gesungen werden; zu erkennen sind sie nicht. Bei letzterem handelt es sich um die Studiofassung eines Teils aus einer Klanginstallation Enos in der Londoner Galerie Serpentine im Rahmen von Back to Earth, einem interdisziplinären Projekt zum Klimanotstand.

Eigene Gefühle erkunden

Die Songs haben einen resignativen Zug, den der Gesang noch betont. Der einstige Mitbegründer von Roxy Music und spätere Produzent berühmter Alben von David Bowie, den Talking Heads und U2 bis zu Depeche Mode und Coldplay kommentiert: Es seien keine Propagandasongs, die einem sagen wollen, was man glauben und wie man sich verhalten solle, vielmehr habe man es mit Erkundungen seiner eigenen Gefühle zu tun. Man muss sich darauf einlassen, um den Reiz der von Melancholie durchtränkten Schönheit zu erkennen.

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